Berlin - Am Anfang steht ein Bildschirm. Mae Holland bekommt ihn an ihrem ersten Tag beim "Circle", einem der innovativsten und bekanntesten Unternehmen der Welt. Der "Circle" weiß alles über seine Nutzer und bald auch über Mae: wo sie sich aufhält, wie gut sie ihre Arbeit macht, ihren Puls, ihre Vorlieben sowieso.

Auch ihre Krankengeschichte kennt die freundliche "Circle"-Ärztin, die ihr ein Fitnessarmband umlegt. Mae unterschreibt ihren Arbeitsvertrag wie andere die Nutzungsbedingungen bei Online-Diensten: ohne durchzulesen.

Damit nimmt Dave Eggers\' (44) dunkler Roman "Der Circle" seinen Lauf. Er ist dieser Tage auf Deutsch erschienen und sofort an die Spitze der Bestsellerlisten gerückt. Der US-amerikanische Schriftsteller beschreibt darin die Schauerversion einer digitalen Zukunft, die gerade deswegen so beängstigend ist, weil sie von unserer Gegenwart gar nicht so weit entfernt ist.

Der Grundstein dafür ist "TrueYou", eine Online-Plattform des "Circle". Sie führt all die versprengten Profile, Kreditkartendaten und Adressinformationen der Nutzer zu einem digitalen Ich zusammen. Immer mehr Informationen werden mit "TrueYou" verknüpft, Gesichtserkennung ordnet Fotos automatisch Personen zu, Eltern können ihre Kinder über eingepflanzte Chips ständig tracken.

Das Unternehmen "Circle" ist fiktiv, doch die Ähnlichkeiten mit den echten Internet-Unternehmen aus dem Silicon Valley sind auffällig. Jede neue Erfindung wird als Schritt in eine bessere Welt gefeiert. Nie mehr soll es schreckliche Kindesentführungen oder auch nur beleidigende Online-Kommentare geben, denn alle digitalen Aktivitäten sind in einem gemeinsamen Profil verknüpft.

Doch dahinter steckt eine totalitäre Ideologie: Nichts darf privat sein. Der "Circle" pflastert die Welt mit Kameras, die ihre Aufnahmen permanent ins Internet übertragen. Ständige Kommunikation ist Pflicht. Wer allein sein will oder etwas alleine tut, begeht ein Verbrechen an seinen Mitmenschen, denn er beraubt sie möglichen Wissens. "Alles Private ist Diebstahl", ist Mae bald überzeugt. Inzwischen arbeitet sie an sechs Bildschirmen gleichzeitig.

Mit seinem Roman hat Eggers eine breite Diskussion losgetreten. Die Schriftstellerin Juli Zeh sieht das Buch als "großen, wichtigen Beitrag" zu einer gesellschaftlichen Debatte. "Wir leben in der Welt, die er uns zeigt - und auf einmal verstehen wir vielleicht das Problem. Das ist ein ganz großer aufklärerischer Akt", sagte Zeh dem Deutschlandradio Kultur.

Denn viele Menschen geben heute bereitwillig Informationen preis, die früher als schützenswert galten. "Wir alle sind geblendet von den Verheißungen der Technik", sagte Eggers der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Die widmete seinem Roman gleich den gesamten Feuilleton-Teil. Genau dort kritisiert der Blogger und Vorzeige-Netzbewohner Sascha Lobo den Autor Eggers allerdings harsch. Eggers mache die Internetkonzerne zu Dämonen, anstatt Argumente für eine ausgewogene Diskussion zu liefern.

Lobo trifft eine Schwachstelle des Romans: Eggers zeigt keine glaubwürdige Alternative zum totalen Verlust der Privatsphäre auf. Wer sich dem "Circle" entziehen will, muss in den Wald gehen - und ist nicht einmal dort sicher. Die Möglichkeit zur Gegenwehr lässt Eggers erst im Interview mit der "FAS" anklingen. Es brauche eine neue Erklärung der Menschenrechte für die digitale Zeit, fordert er dort. Jeder müsse das Recht haben, sein digitales Profil zu kontrollieren.

Nur: Eine ähnliche Erklärung gibt es bereits. "Privatsphäre ist notwendig für eine offene Gesellschaft in der elektronischen Zeit", so lautet der erste Satz des Manifests der "Cypherpunks". So nennen sich Verschlüsselungs-Aktivisten mit Hang zur Anarchie. Niemand solle gezwungen sein, Informationen über sich offen zu legen, heißt es in ihrem Schlachtruf. Im Gegenteil: "Wir müssen sicherstellen, dass wir so wenig wie möglich preisgeben". Das Manifest stammt von 1993. Seitdem wurden die Aktivisten, die sich für anonyme, verschlüsselte Plattformen einsetzen, überrollt von der Welle der persönlichen, praktischen Dienste, die diese Prinzipien nicht teilen.

Einer der bekanntesten Köpfe der "Cypherpunk"-Bewegung ist übrigens Julian Assange. Zwar treibt der Gründer von Wikileaks die Enthüllung staatlicher Geheimnisse bis zum Äußersten. Er veröffentlichte allein Tausende vertrauliche Dokumente der USA. Doch er macht einen entscheidenden Unterschied. "Transparenz für den Staat, Privatsphäre für den Rest von uns", lautet eine seiner Forderungen.

Eggers sticht in dieses Spannungsfeld zwischen radikalen Aktivisten und kapitalistischen Unternehmen. Er macht Fragen greifbar, die sich sonst hinter bürokratischen Wortmonstern wie "Datenschutzgrundverordnung" verstecken. Das ist das größte Verdienst dieses Buches. Nuancen spielen dabei keine Rolle: Weder die Internet-Unternehmen noch die Skeptiker sind ganz so schlicht, wie sie hier gezeichnet werden. Doch bei Eggers gibt es nur Extreme.