Berlin - Am Anfang steht ein dummes Missgeschick. Ein Ehepaar kommt später von einem Besuch zurück als geplant. Zu Hause müssen sie feststellen, dass ihre Tochter verschwunden ist. Der einzige Hinweis auf ein Verbrechen ist ein Schuhabdruck auf dem Teppich.

Die Polizei kommt nicht voran mit der Aufklärung des Falles, also widmet sich der Vater der Suche. Und zwar komplett, bis zur Aufgabe seiner selbst.

Der Berliner Autor Zoran Drvenkar (47) lässt in seinem Thriller "Still" den Vater erzählen, wie er seine Tochter und die Verantwortlichen für ihr Verschwinden sucht. Schnell wird klar, dass der Vater sich selbst in dieser Suche verliert. Er gibt alles auf, was er hatte, einschließlich seines Namens, und erschafft sich neu in einer Person mit einem einzigen Ziel: "Ich bin ganz bewusst in die Dunkelheit eingetaucht, und werde erst dann wieder auftauchen, wenn ich das Herz der Bestie in der Hand halte."

Ein zufälliges Ereignis bringt ihn entscheidend voran. Eines Tages wird ein Mädchen gefunden, das ebenfalls entführt worden war, jedoch entkommen konnte. Zutiefst verstört und in sich gefangen, lebt sie schließlich in einer psychiatrischen Klinik, sagt kein Wort und scheint nichts wahrzunehmen. Und doch liefert sie dem Erzähler entscheidende Hinweise für seine Suche.

Wie groß der Anteil des Mädchens an der Geschichte ist, zeigt sich schon am Aufbau des Romans. Die kurzen Kapitel sind gruppiert unter die Überschriften "Ich", "Du" und "Sie". In "Ich" erzählt der Vater, wie er nach und nach der Wahrheit auf die Spur kommt. In den mit "Du" überschriebenen Kapiteln erzählt er dem Mädchen in der Klinik ihre eigene Geschichte. Und in den "Sie"-Kapiteln schließlich geht es um eine Gruppe von Männern, die der Vater verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden der Kinder zu tun zu haben.

Drvenkar lässt die Erzählung in der Zeit hin- und herspringen. Es dauert, bis sich eine zeitliche Ordnung erschließt. Aber auch dann ist nicht immer klar, was der Erzähler tatsächlich berichtet und was Fantasie ist, denn er hat sich so weit in seine Mission verrannt, dass er alles andere als ein zuverlässiger Berichterstatter ist.

Klar wird aber sehr schnell, dass die Ereignisse des Buches die Grenzen des Menschlichen erreichen und teilweise auch überschreiten. Der Erzähler stößt auf eine perfide Verschwörung, in der Kinder auf perverseste Art zu Opfern gemacht werden. Allerdings kann er sich nie sicher sein, ob seine Schlussfolgerungen auch stimmen.

Über allem in diesem Roman liegt eine bedrückende Kälte. Nicht nur das Winterwetter mit Eis, Schnee und Dunkelheit trägt dazu bei, sondern vor allem auch die menschliche Kälte beim Umgang der Menschen miteinander. Und es ist still. Kommunikation findet kaum statt, und wenn doch, wird ein Großteil von den Umständen zunichte gemacht.

Drvenkar schafft geschickt eine Grundstimmung der Bedrohlichkeit, die durch die Spekulationen über Kindesmisshandlung und Mord noch verschärft wird. Wer Spannung pur mag und auch vor grausamen Szenen nicht zurückschreckt, wird in "Still" viel Attraktives finden - starke Nerven vorausgesetzt.

- Zoran Drvenkar: Still. Verlag Eder & Bach, Berlin, 422 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-945-386-00-2.