Berlin - Marcel Reich-Ranicki fuhr angeblich "unglaublich schlecht" Auto und hätte zeitweise Blutdruck 100-160 gehabt.

Wer solche Petitessen über den inzwischen verstorbenen "Großkritiker" oder andere Größen des deutschsprachigen Literaturbetriebs wie Heinrich Böll, Thomas Bernhard, Max Frisch, Rolf Hochhuth und Siegfried Unseld wissen will, muss die Tagebücher von Martin Walser aus den Jahren 1979 bis 1981 lesen, die jetzt bei Rowohlt erschienen sind (Martin Walser - Schreiben und Leben - Tagebücher 1979-1981).

Es ist eine nicht durchgängig leichte oder gar fesselnde Lektüre, die auch an sein später veröffentlichtes Buch "Meßmers Gedanken" erinnert ("Ich bin eine Wohnung, aus der ich ausgezogen bin"). Man muss sich durcharbeiten durch so manche unerhebliche Notizen, bis es zu lohnenswerten Betrachtungen, Beobachtungen und essayhaften Einschüben kommt. Die teilweise mangelnde Substanz mag aber auch an den im Vergleich zu den früheren Tagebuchbänden aus den Zeiträumen von 1951 bis 1962 sowie 1963 bis 1973 und den 70er Jahren an den knappen und auch weniger geschichtsträchtigen Auswahljahren des jetzigen Bandes liegen. Es muss ja auch nicht alles veröffentlicht werden.

Neben so manchen Klatsch- und Tratschgeschichten aus der großen und kleinen Welt der Literatur, der Schriftstellerkollegen und Verlage sind Walsers (87) Tagebücher auch der Platz für Notizen aus der Familie und dem privaten Umkreis - aber auch vor allem für selbstkritische Reflexionen als Autor, der auch immer wieder die Plätze in den Bestsellerlisten aufmerksam verfolgt (bis hin zu "Alpträumen", in denen Christa Wolf "auf drei Listen auf Platz eins" steht).

Und Kritiker verletzen, beleidigen, sogar den "Tod eines Kritikers" hat Walser als Roman geschrieben. Manchmal meint es ein Kritiker auch gut, "ist aber total borniert". Und überhaupt ist es "keine Kunst, Kritiker zu sein", denn "nach den eigenen Grenzen suchen, das ist ein Abenteuer". Das treibt Walser um, er beobachtet sich, nicht nur die Umwelt. "Ich bin armselig. Und trotzdem interessiere ich mich für nichts als für mich. Ich bin wirklich langweilig. Ich bewache mich von morgens bis abends."

Es fehlt aber auch nicht an Seitenhieben gegen Kollegen, längst schon gestorbene oder noch lebende. Einmal rüffelt er Thomas Manns "hochstatthafte Aufgeplustertheit", dann kommt er dem Autor der "Buddenbrooks" durch dessen Briefe wieder etwas näher, "obwohl der gestelzte Ton und die unermüdliche Selbststilisierung auch wieder auf die Nerven gehen". Walter Jens, "der dürre Sterbende, hat sich den großen Töter unter den Kritikern zum Freund dressiert". Doch "dass ich mit Walter Jens Krach anfing, war ein Fehler. Aber man erträgt nicht alles...Und das Traurige: Walter Jens ist selber ein Geschlagener, genau wie ich."

Die zum Teil heftige Kritik, die Walser 1998 nach seiner Frankfurter Paulskirchenrede über die vermeintliche "Instrumentalisierung" der Holocaust-Schande als dauerhafte "Moralkeule" auf sich zog, relativiert sich etwas, wenn man Walsers frühere Tagebuchaufzeichnungen zu dem Thema der deutschen Vergangenheit liest. Er spüre, so notiert Walser 1979, "dass uns unsere Auschwitz-Verbrechen noch auf der Seele liegen". Ein einziges Bild aus einem KZ, "und wir haben nichts mehr zu sagen". Denn: "Der Humanismus hat Auschwitz geschehen lassen."

Das sind klare Worte eines deutschen Autors, der sich im übrigen mit der deutschen Teilung nie abfinden wollte ("Wir müssen die Wunde namens Deutschland offenhalten"), ganz im Gegensatz zu den meisten Intellektuellen und Künstlern in Ost und West seinerzeit. Es sind Tagebuchnotizen, die die damaligen heftigen, oft auch bösen und sogar manchmal mit absurden Antisemitismusvorwürfen begleiteten Attacken nach der Paulskirchenrede rund 20 Jahre später eigentlich nicht rechtfertigen - wenn man sie damals gekannt hätte.

- Martin Walser - Schreiben und Leben - Tagebücher 1979-1981, mit von Jörg Magenau zusammengestellten Anmerkungen, Rowohlt Verlag, Reinbek, 702 Seiten, 26,95 Euro, ISBN 978-3-498-07386-2.