München - Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Das denkt sich eine Berliner Filmcrew am Ende des Zweiten Weltkriegs und heckt eine aberwitzige Aktion aus.

Da niemand mehr Lust hat, noch in allerletzter Minute sinnlos sein Leben zu verlieren, flüchten die Filmleute in die bayerischen Berge, wo sie angeblich einen kriegswichtigen Film drehen, der jedoch nie das Licht der Welt erblicken wird. Während alle nach außen hin den Schein wahren, spielen sich die echten Dramen hinter den Kulissen ab. Diese Geschichte ist Fiktion, doch sie hätte tatsächlich so passieren können. In der damaligen Endzeitstimmung war das Undenkbare ja längst denkbar geworden.

Der Schweizer Autor Charles Lewinsky (68) verleiht seinem für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman "Kastelau" einen stark dokumentarischen Charakter. Seiten eines angeblich wiedergefundenen Manuskripts wechseln mit Interviewauszügen und Wikipediaeinträgen ab. Wie in wissenschaftlichen Arbeiten gibt es hin und wieder sogar Fußnoten. Das Ganze erhält so einen größtmöglichen Grad an Authentizität, macht es für den Leser aber nicht gerade leichter. Denn die Geschichte wird in Puzzleteile zerlegt, aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und in verschiedenen Sprachstilen und Zeitebenen dargereicht.

Erst nach und nach enthüllt sich die ganze Dramatik der komplexen Geschichte. Kastelau scheint der UFA-Crew zunächst wunderbar geeignet für die geplante Camouflage. Denn der Ort liegt abgeschieden in den Bergen und ein Schloss scheint als brauchbare Filmkulisse verlockend. Bis sich herausstellt, dass das angebliche Schloss nurmehr eine Ruine ist und selbst in diesem hintersten Winkel des Deutschen Reiches ein eitler Parteibonze jede kleinste Lebensregung überwacht. Umso mehr müssen die Filmleute den Schein wahren, was gar nicht so einfach ist, denn Mannschaft und Mittel sind durch einen tragischen Zwischenfall sehr dezimiert.

Das ursprüngliche geplante pompöse Filmprojekt "Lied der Freiheit" ist damit gestorben. Der vom Regime geächtete Drehbuchautor Werner Wagenknecht muss unter falschem Namen in Windeseile ein neues Skript verfertigen, eine heroische Schnulze, die er selbst als "die größte Kacke, die ich je geschrieben habe" bezeichnet. Den nichts ahnenenden Dorfbewohnern wird so lange eine perfekte Show vorgespielt, bis sich der schwule Hauptdarsteller Walter Arnold in einen Eingeborenen verliebt, was dramatische Konsequenzen nach sich zieht.

Jahre später macht Arnold unter dem Namen Arnie Walton in Hollywood Karriere. Von seiner schuldbeladenen Vergangenheit weiß man dort nichts. Erst der Amerikaner Samuel A. Saunders kommt ihm Jahrzehnte später auf die Spur. Er beginnt zu recherchieren, befragt eine ehemalige Schauspielerin, die an der Produktion in Kastelau teilgenommen hat und plant eine Doktorarbeit über den Fall, die jedoch nie erscheint. Im Jahr 2011, lange nach dem Tod Waltons, zerstört Saunders dessen Stern auf dem "Walk Of Fame" in Hollywood. Kurz nach dieser Hassattacke bricht er tot zusammen. Mit dieser Szene beginnt der Roman und rollt die Geschichte so von hinten auf.

Der Plot von "Kastelau" ist zweifellos faszinierend und Lewinsky hat eine ungewöhnliche Form der Umsetzung gefunden, die jedoch auch gewöhnungsbedürftig ist. Speziell die langen Interviewpassagen mit der Schauspielerin Tiziana Adam in ihrem abgehackten Redestil wirken teilweise ermüdend und der Anfang hätte auch etwas flotter vorangetrieben werden können. Alles in allem aber ist Lewinsky ein ebenso hintergründiger wie außergewöhnlicher Roman über die Macht der Lüge gelungen.

Charles Lewinsky: Kastelau. Nagel & Kimche, München, 400 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-312-00630-4