Berlin Hunger und Armut haben Darling aus dem Paradies vertrieben. "Paradise", so heißt der illegal errichtete Slum, in dem das Mädchen aufwächst.

Als Zehnjährige klaut Darling mit ihren Freunden köstliche Guaven von den Bäumen im nahen Villenviertel. Mit 14 schickt die Mutter sie zur Tante Fostalina ins neue Paradies Amerika. Dort bekommt Darling genug zu essen. Doch dann hungert sie nach Guaven, dem Geschmack der Heimat.

NoViolet Bulawayo hat mit "Wir brauchen neue Namen" ein zweigeteiltes und zwiespältiges Debüt vorgelegt. Die Autorin kam 1981 in Simbabwe zur Welt und wanderte als 18-jährige in die USA aus. Sie weiß also, worüber sie schreibt. Ihr Roman erzählt am Beispiel des Mädchens Darling von der Kohorte der Heimatverlorenen, die vom Paradies träumt, ohne es je zu erreichen.

Im ersten Teil des 262 Seiten starken Buchs berichtet die Ich-Erzählerin Darling ein wenig altklug von ihrem Leben in Afrika: Aids und Armut, die Ausbeutung billiger Wanderarbeiter, die Kirche eines kuriosen Predigers, die Schwangerschaft der vergewaltigten Freundin und das absurde Verhalten weißer Nothelfer mischen sich zu einem Bild, das sowohl verstörend als auch einigermaßen politisch korrekt wirkt.

Das bleibt der Roman auch im zweiten Teil. Nur dass der Blick der nunmehr 14-jährigen Protagonistin auf ihre neue Umgebung nun eher naiv erscheint: Pornos und Essstörungen, die Diskriminierung der Schwarzen, der exzessive Fernsehkonsum und das nervige Rihanna-Getue. Darling verliert Freunde und Familie aus den Augen, aus dem Sinn und ist zugleich empört, wenn Amerikaner ganz Afrika als ein einziges Land ansehen, in dem niemals die Sonne aufgeht.

Die Zerrissenheit vieler Menschen auf der Suche nach einer besseren Welt, die Missstände in beiden Welten: NoViolet Bulawayo erzählt nichts wirklich Neues, aber sie tut dies in temporeicher und streckenweise mitreißender Manier. Einige Wortneuschöpfungen mag man entweder als bemüht oder als literarisch innovativ bezeichnen; sie stören jedenfalls nicht allzu sehr.

Darling muss für ein Englischunterricht ein Referat schreiben über ein Buch, "wo die langen, verschlungenen Sätze und das alles mich einfach gelangweilt haben und diese Jane mich mit ihren dummen Entscheidungen dauernd genervt hat und diese ganze ätzende Geschichte einfach so war, dass ich das Buch wegwerfen wollte". Da ist "Wir brauchen neue Namen" ganz anders. Bulawayos Erstling erscheint sogar geeignet, die Altersgenossen ihrer Heldin vom Computer oder Fernseher wegzulocken.

- NoViolet Bulawayo: Wir brauchen neue Namen. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Miriam Mandelkow, Suhrkamp, Berlin, 262 Seiten, 21,95 Euro, ISBN 978-3-518-42451-3.