Berlin (dpa) - "Nun sag\' ich noch allen Freunden in Weimar und Gotha ein treues Lebewohl!", schreibt Johann Wolfgang von Goethe im März 1787 aus Neapel.

Freunde in Weimar? Klar, die kennt man. Schließlich hat er da schon einige Jahre als Minister am Weimarischen Hof hinter sich, und die kleine Stadt in Thüringen ist längst zu einer zweiten Heimat für den gebürtigen Frankfurter geworden. Aber Gotha? Da müsste selbst mancher passionierte Goethe-Leser passen. Ein Fall für Sigrid Damm: Die in Gotha geborene Autorin hat einen Ruf als Goethe-Kennerin und schon mehrere Bücher über den Dichter geschrieben. "Goethes Freunde in Gotha und Weimar" ist ihr jüngstes.

Es beginnt mit dem erwähnten Zitat aus Neapel. Goethe ist zu dem Zeitpunkt schon ein halbes Jahr in Italien und Weimar weit weg. Aus der Stadt, die später zum Inbegriff der deutschen Klassik werden sollte, ist er geradezu geflohen, unglücklich über den ungelösten Konflikt, als Minister kaum noch Zeit für die Literatur zu haben. Es kursiert das Gerücht, er werde nicht nach Weimar zurückkehren, sondern nach Gotha übersiedeln. "Die Gunst die man mir in Gotha gönnt macht viel Aufsehn", notiert er und hat wohl tatsächlich überlegt, ob er sich nicht vom Gothaer Herzog abwerben lassen sollte.

Die Beziehungen zu Gotha waren jedenfalls enger als es aus der Retrospektive erscheint. Denn tatsächlich verbrachte er den Großteil seines Lebens dann doch in Weimar. Sigrid Damm hat aber ausgiebig recherchiert und kann viele Belege zu Gothas Bedeutung für den Dichter vorlegen: Herzog Ernst II. lädt Goethe mehrfach nach Gotha ein, und der Dichter ist auch etliche Male dort zu Besuch. Die beiden korrespondieren regelmäßig. Goethe ist dem Herzog unter anderem beim Ankauf von Kunstwerken für dessen Sammlung behilflich.

Und er vermittelt Kontakte - zum Beispiel den zwischen Ernst II. und Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Der Künstler hat Geldsorgen, der Herzog soll ihm unter die Arme greifen. Sogar zusammen mit Carl August, dem Weimarer Herzog, reist Goethe ins Nachbarherzogtum - 1788 fällt dort die Entscheidung, Schiller eine außerordentliche Professur in Jena anzubieten. Um wissenschaftliche Themen geht es bei seinen Kontakten nach Gotha immer wieder: Zu seinen Gesprächspartnern dort gehört etwa Ludwig Christian Lichtenberg, ein Physiker im gothaischen Staatsdienst, der Vorlesungen zur Optik hält, ein Thema, das auch Goethe umtreibt.

Seinen ersten Brief an Schiller schreibt Goethe im Juni 1794 - der neue Freund lässt ihn die Bekannten in Gotha bald vergessen. Der Herzog dort beklagt sich: "Ich sehne mich ... nach dem Vergnügen, Sie wieder einmal zu umarmen, denn es ist unendlich lange her...". Tatsächlich gibt es nun einige Jahre, in denen er es gar nicht bis Gotha schafft. Und nach dem Tod Ernst II. werden die Kontakte zum Hof nie wieder so eng, wie sie einmal waren.

Und so widmet sich Sigrid Damm dann doch auch Goethes Bekanntenkreis in Weimar. Die Kontakte, die der geschickte Netzwerker dort pflegte, beeindrucken noch immer. Kaum ein damals bekannter Name, mit dem er nicht irgendwie zu tun hatte: von Ludwig van Beethoven bis zu Napoleon Bonaparte. Um ein Fazit, welche Bedeutung Gotha für Goethe denn nun schlussendlich hatte, hat sich Sigrid Damm gedrückt. Überschätzen sollte man es nicht, Weimar blieb wichtiger. Aber ihr neues Buch ergänzt das landläufig Bekannte in Goethes Biografie um etliche interessante Details.

- Sigrid Damm: Goethes Freunde in Gotha und Weimar, Insel Verlag, Berlin, 239 S., 19,95 Euro, ISBN 978-3-458-17611-4.