Hamburg - Am Ende wird selbst der größte Zweifler stutzig. Chinas Ein-Kind-Politik, gedankenlesende Töchter und das unwirtliche Ambiente einer Hoteltoilette machen den französischen Geschäftsmann misstrauisch, natürlich.

Andererseits tritt Frau Ming doch allzu überzeugend auf, es gibt sogar einen Gewährsmann, der ihre grandiose Familiengeschichte stützt. Aber hat sie deshalb wirklich zehn Kinder?

Das ist die Leitfrage des neuen Romans von Eric-Emmanuel Schmitt (54). Der Titel "Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte" scheint die Antwort vorwegzunehmen. Auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit und Fantasie gelingt es dem französischen Autor aber, aus der Ungewissheit seines Protagonisten eine verspielte philosophische Erzählung zu entspinnen.

Frau Ming ist eine träumerische "dame pipi", die in einem Hotel in der chinesischen Provinz Guangdong die Toiletten putzt. Als sie den Handelsreisenden aus Frankreich trifft, der im Gespräch mit ihr sein Kantonesisch aufbessern will, erzählt sie ihm von ihren zehn Kindern. Da ist Li Mei, die Betrügern ihre Lügen ansieht. Wang, der fiktive Gärten verkauft. Kun und Kong, die im Nationalzirkus auftreten. Kein Wunder, dass der Franzose ihr zunächst kein Wort glaubt: "Was für eine dumme Gans, eine Aufschneiderin!"

Doch mit der Zeit machen die Überzeugung und Güte, mit der Frau Ming erzählt, den Geschäftsmann geradezu abhängig von ihr. Wie ein Glückskeks-Automat spuckt Frau Ming eine konfuzianische Weisheit nach der anderen aus - und hilft dem ewig Reisenden so, nicht länger vor jeder Bindung wegzulaufen.

Schmitt, der 2004 für "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" den Deutschen Bücherpreis erhielt, weiß, was sein Publikum von ihm erwartet. Seine leicht zu lesenden und doch tiefgreifenden Werke wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Mit der spielerischen Vorstellung des Konfuzianismus in "Frau Ming" setzt der 54-Jährige seine Reihe über die Weltreligionen fort. Ihm gelingt dabei ein Hohelied auf die Vielfalt der Ideen, eine poetische Absage an Oberflächlichkeit und Pragmatismus.

Während Internet-Nutzer von heute in sozialen Netzwerken den faktenbeladenen "longread" preisen, zeigt "Frau Ming" auf 112 Seiten, wozu der literarische "shortread" in der Lage ist: Zu einer feinsinnigen Lektüre, die dazu anregt, innezuhalten und zu grübeln. Denn am Ende weiß auch der französische Geschäftsmann: "Blicke ich zurück, so hat mir die Ungewissheit immer besser gefallen als die Wahrheit."

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