Friedland/Berlin - Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich oft dicht beieinander - so auch beim Schriftsteller Hans Fallada (1893-1947). Der Buchautor Klaus-Jürgen Neumärker spricht als Neurologe und Psychiater bei Fallada zwar nicht von Wahnsinn, aber von einer Persönlichkeitsstörung.

"Früher sagte man Psychopath, aber dieser Begriff wird heute nicht mehr gebraucht", erläutert Neumärker. Der frühere Direktor der Nervenklinik der Berliner Charité hat die Lebensgeschichte des Rudolf Ditzen alias Hans Fallada jetzt anhand dessen Krankenakten neu erzählt. Diese Quellen hat bisher noch kein Fallada-Biograf ausgewertet.

Kürzlich erschien im Steffen Verlag in Berlin und Friedland (Mecklenburg-Vorpommern) sein Buch "Der andere Fallada. Eine Chronik des Leidens". "In Zukunft wird kein Fallada-Biograf an dieser Arbeit vorbeikommen", schätzt die Fallada-Expertin Heide Hampel ein. Sie war jahrelang Leiterin des Literaturzentrums Neubrandenburg mit dem Fallada-Archiv. Der Schriftsteller verbrachte seine produktivsten Jahre in Carwitz bei Feldberg unweit von Neubrandenburg.

Neumärker schreibt: "In der Lebensspanne von 53 Jahren und sechs Monaten befand sich Fallada vier Mal im Gefängnis, drei Mal in psychiatrischen Kliniken mit unterschiedlicher Dauer, 23 Mal in Heilstätten für Nerven- und Gemütskranke, in Sanatorien - und schrieb fast 30 Bücher." Bisherige Fallada-Biografen bezeichneten den Autor von Büchern wie "Kleiner Mann - was nun?", "Der Eiserne Gustav" oder "Der Trinker" als Alkoholiker und Morphinisten. "Das trifft so nicht zu", stellt Neumärker klar. "Ein Alkoholiker oder Drogenabhängiger hat nicht diese Kreativität." Fallada war jedoch seit seiner Jugend ein starker Raucher. Täglich brauchte er mehr als 100 Zigaretten. Die frühe Tabakabhängigkeit sei eine Voraussetzung für das Suchtverhalten nach Morphium, Schlafmitteln und Alkohol gewesen, meint Neumärker. Das Nikotin half, Nervosität, Ängstlichkeit und Depressivität einzudämmen.

Fallada schrieb seine Bücher meist in kürzester Zeit. Er schlief dann kaum, nahm Schlafmittel, zeitweilig auch Morphium, trank Alkohol. In der Nazizeit gehörte Fallada wegen seines Medikamentenkonsums zu einem gefährdeten Personenkreis. "Aber er hatte immer jemanden, der ihn beschützte", fand Neumärker heraus. Letztlich setzte eine Schlafmittelvergiftung Falladas Leben ein Ende, verursacht wohl durch eine falsche Dosierung, verabreicht von seiner zweiten Frau Ulla.

Neumärker tilgt mit seinem Buch nach eigenen Worten "eine Reihe weißer Flecken in Falladas Biografie". Der Mediziner arbeitete von 1966 bis 2003 an der Nervenklinik der Charité, wo Fallada 1935 sowie 1946/47 stationär behandelt worden war. Er wertete die Krankenakte dieser Klinik und des West-Sanatoriums in Berlin aus, außerdem die Unterlagen der Aufenthalte in den Kuranstalten Westend.

Die dem Buch beigefügte Liste der Aufenthalte in Kliniken und Heilstätten beginnt mit einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt nach einem Fahrradunfall 1909 und setzt sich fort mit der Behandlung nach einem Duell unter Gymnasiasten 1911, bei dem Fallada einen Mitschüler erschoss. Erst nach zwei Jahren kehrte er aus einer Nervenheilanstalt zurück. Von da an lagen meist nur wenige Jahre, oft nur Monate zwischen den Aufenthalten in Kliniken oder auch Gefängnissen. Auch in diesen Zeiten arbeitete er an seinen Romanen.

Mit der Lebensgeschichte Falladas zeichnet Neumärker zugleich ein Bild der deutschen Psychiatrie im 20. Jahrhundert.

- Prof. Klaus-Jürgen Neumärker: "Der andere Fallada. Eine Chronik des Leidens", 416 Seiten, 84 Abbildungen, ISBN 978-3-941683-49-5,
26,95 Euro.