Berlin - Der Buchtitel trügt: Wenn Hanna, eine der beiden Protagonistinnen in Eva Madelungs Roman, den Brief ihrer Mutter Eva liest, ist es zu spät zum Reden, zu spät für die letzte Aussprache der beiden Frauen, die seit Jahren kein Wort gewechselt hatten: Eva ist tot.

Zwischen ihnen standen das Schweigen, die Vorwürfe und Anklage der deutschen Kriegs- und der Nachkriegsgeneration, zwischen denen, die in den Bann des Hitler-Regimes geraten waren und jenen, die überzeugt waren: Nie hätten sie den nationalsozialistischen Ideologen Glauben geschenkt.

Doch Eva, deren Mutter eine glühende Nationalsozialistin war und deren Vater Kontakt zum Widerstand hatte, versucht am Ende ihres Lebens eine letzte Erklärung. Sie hinterlässt der Tochter, die im Alter von 16 Jahren das Haus verließ und mit der RAF sympatisierte, einen Brief und eine Sammlung mit Aufzeichnungen ihres Lebens, ihrer Jugend im Dritten Reich, von Verführung und Begeisterung, der Blindheit gegenüber allem, was das Bild des nationalsozialistischen Deutschlands trüben konnte, und den "Sturz ins Bodenlose" im Jahr 1945, das Leben mit der Schuld und der Scham, dem totalitären Regime erlegen zu sein.

Nein, Eva war keine der sadistischen Wächterinnen in einem Konzentrationslager, sie war nicht verwickelt in die Mordmaschinerie der Nationalsozialisten. Aber sie war Freiwillige im Reichsarbeitsdienst, hatte sich zum Dienst im "Warthegau" im besetzten Polen gemeldet.

Dass die polnischen Bauern vertrieben und enteignet wurden, verdrängte sie. Den Umgang des Besatzungsregimes mit den Polen ignorierte sie, zweifelte nicht an, dass sie als "Untermenschen" es gar nicht anders verdienten. Der Weg, bis sie, Jahre später, über ihr eigenes Verhalten und Denken entsetzt ist, ist lang.

Die Autorin Eva Madelung hat mit ihrer Protagonistin Eva mehr als nur den Vornamen gemeinsam. Auch die Tochter von Robert Bosch hatte einen Vater, der dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber stand und Kontakte zum Widerstand hatte. Doch die 1931 geborene ehemalige Familientherapeutin war selbst begeistertes "Jungmädel", wie sie im Verlagsinterview einräumt: "Die Idee, den Lebensbericht einer Nationalsozialistin zu schreiben, kam mir unter anderem, weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass aus mir, wäre ich einige Jahre älter gewesen, eine begeisterte Nationalsozialistin geworden wäre."

Zudem sei der Abstand zur Zeit des Nationalsozialismus mittlerweile so groß, dass "Verständnis für die damals Lebenden" entwickelt werden könne auch wenn das nichts entschuldige. "Wer kann von sich sagen, dass er genau weiß, wie er sich damals verhalten hätte", fragt Madelung.

Allerdings, Eva und Hanna bleiben als Personen merkwürdig blass. Sie sind eher Fallstudien als Charaktere, deren Entscheidungen und Denken in dem fiktiven Briefwechsel deutlich wird. Ein Dialog kann nicht mehr zustande kommen, und so folgt ein Briefmonolog auf den vorangegangenen, die späte Aussöhnung der Tochter mit der Mutter, die diesen Moment nicht mehr erlebt.

Vieles bleibt episodenartig, schablonenhaft ohne Tiefe und auch die Frage, was Eva am Nationalsozialismus faszinierte und wie sehr sie diesem neuen Glauben erlag, ist letztlich nicht beantwortet. Zur Diskussion zwischen den Generationen, so lange noch Zeitzeugen leben, regt "Reden, ehe es zu spät ist" aber sicherlich an.

- Eva Madelung: Reden, ehe es zu spät ist, Europa Verlag, Berlin,
176 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-944305-54-7.