München/Stockholm - Maria Holinek kann offenbar damit leben, dass ihr Ehemann ein Stubenmädchen vergewaltigt haben soll. Oder vielleicht doch nicht?

Die gemeinsam im Auto angetretene Flucht Richtung Marokko jedenfalls endet für die Schwedin in einem abgelegenen südenglischen Heidedorf namens Winsford. Unter dem Namen Anderson, als angebliche Schriftstellerin und ohne Mann. "Ich sehe, dass über Ihnen ein Schatten hängt", führt sich mit messerscharfer Beobachtungsgabe Marias erste englische Pub-Bekanntschaft ein, ehe beide Gefallen aneinander finden. Dabei wollte die Schwedin hier doch komplett abtauchen und für sich allein bleiben.

Håkan Nessers (64) neuer Schwedenkrimi "Die Lebenden und Toten von Winsford" spielt nur am Anfang und am Ende in Schweden. Statt auf heimischen Schäreninseln lässt der Autor seine Hauptperson durch die winterlich-neblige Heidelandschaft von Somerset irren, wenn ihr einziger, aber wichtiger Begleiter, der Hund Castor, auf mysteriöse Weise tagelang verschwindet. Ob der Ehemann dahintersteckt?

Nessers Schilderung der Zweisamkeit von Castor und seiner Frau gehört zu den vielen Lesefreuden ohne Brutalität oder reihenweise Morde in diesem elegant erzählten Psychothriller. Die Novemberstimmung der Heidelandschaft in Somerset, die Geheimnisse von Maria Holineks alias Andersons nicht ganz unkompliziertem Inneren und allerlei literarische Spielereien erzeugen Spannung auf andere Art und angenehm hohem, aber nicht anstrengendem Niveau.

Gut fügt sich eine marokkanische Parallelhandlung mit vielen Geheimnissen, ein bisschen Sex und vielleicht auch einem Mord aus den jungen Jahren des Literaturprofessors ein. Martin wollte damit als Autor noch mal groß herauskommen, und Maria muss das auf einem Laptop versteckte Rätsel dahinter unbedingt knacken. Wer sich selbst ein bisschen in der Literaturgeschichte auskennt, wird Parallelen zwischen den Hauptpersonen dieser Geschichte und dem tragisch legendären Autorenpaar Sylvia Plath und Ted Hughes entdecken.

Nesser legt in seinem neuen Buch immer mal wieder Köder für geübte Thriller-Spürnasen aus, von denen sich ein paar zu viel als heiße Luft erweisen. Damit versöhnt das Finale in Stockholm, wenn Maria ihre englische Pub-Eroberung Mark zum Wochenend-Date erwartet. Es klingelt jemand anders, und das ist nicht der Postbote.

- Håkan Nesser: Die Lebenden und Toten von Winsford. btb Verlag, München, 464 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-442-75449-6