Prag/München - Wer kennt sie nicht, die dramatische Prager Balkonszene vom 30. September 1989: Im Halbdunkel sprach der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher zu Tausenden DDR-Flüchtlingen, die in der westdeutschen Botschaft Zuflucht gefunden hatten. Sie durften ausreisen. Doch wie kam es dazu? Und was geschah in den folgenden Monaten? Dieser Frage geht Karel Vodicka in seiner Dokumentation "Zündfunke aus Prag" nach. Vorangestellt ist ein Vorwort des inzwischen 87-jährigen Genscher.

Zusammen mit seinen Mitarbeitern hat der Politologe Vodicka Fernschreiben, Geheimdokumente, Protokolle und Zeitungsberichte zusammengetragen. Herausgekommen ist eine detailreiche, chronologische Aufarbeitung der Ereignisse um die Botschaft in Prag im Wende- oder "Wunderjahr" 1989. Die Verknüpfung der Ereignisse in der DDR und der damaligen Tschechoslowakei (CSSR) fördert neue Einsichten zutage.

So drängte die Tschechoslowakei - deren kommunistische Hardliner als engste Verbündete von SED-Chef Erich Honecker galten - Ost-Berlin letztlich selbst zu einer Lösung. Der Ansturm von Tausenden DDR-Flüchtlingen auf die bundesdeutsche Botschaft gefährdete ihrer Ansicht nach die öffentliche Ordnung. Doch zum Äußersten wollten sie nicht schreiten. "Die in Berlin geäußerte Idee, eine Mauer um die Botschaft zu bauen, sei für Prag nicht akzeptabel", berichtete der DDR-Botschafter aus der CSSR.

Deutlich wird aber auch, welche Rolle Moskau spielte. Außenminister Eduard Schewardnadse habe die DDR-Führung aufgefordert, endlich etwas zu unternehmen, "um einen Skandal zu verhindern", geht aus einem diplomatischen Telegramm hervor. Die eindringlichen Appelle Genschers an seinen Moskauer Kollegen am Rande der UN-Vollversammlung müssen demnach auf offene Ohren gestoßen sein.

Als dann der erste Schwung von Flüchtlingen die Reise mit Sonderzügen in den Westen antreten konnte, strömte bereits eine neue Welle von Ausreisewilligen nach. Die SED-Führung ließ daher die Grenze zur Tschechoslowakei hermetisch abriegeln. Daraufhin schlug die Stimmung in der Bevölkerung endgültig um. "Grundtenor der Äußerungen der Werktätigen (...) war: Nun stellt die DDR wieder ein Gefängnis dar", hieß es in einem streng geheimen Stasi-Bericht.

Die Festung Sozialismus bröckelte weiter, bis der neue Staatsratsvorsitzende Egon Krenz am 3. November 1989 den Eisernen Vorhang öffnete - zumindest auf Umwegen über die CSSR. Sein Prager Kollege Milos Jakes hatte ihn zuvor gebeten, dass die DDR-Bürger in der bundesdeutschen Botschaft "sofort aus der CSSR in ein beliebiges 3. Land ausreisen können". Die SED-Führung stimmte dem zu - wohl ohne die Tragweite ihres Beschlusses zu erkennen.

In einem Exkurs beschreibt der damalige CSSR-Oppositionelle Petr Pithart, welche Gefühle er empfand, als DDR-Bürger in Prag zu Tausenden ihren mühsam ersparten Trabi stehen ließen. "Sie schlossen es schon gar nicht mehr ab, ließen es mit den Schlüsseln in der Zündung einfach dort stehen, wo sie einen Platz dafür gefunden hatten", staunte der spätere Ministerpräsident des tschechischen Teilstaats.

Die "disziplinierten und ordentlichen Deutschen" hätten auf einmal ihren Freiheitswillen bewiesen. Es sei eine Ermunterung für die Menschen in der Tschechoslowakei gewesen, die zu den einsetzenden Massendemonstrationen beitrug. Die unblutige "Samtrevolution" begann. "Wenn irgendwohin 100 000 Menschen kommen, ist jedes Regime auf dieser Welt am Ende", erinnert sich Pithart. Der Flüchtlingsstrom über die Botschaft in Prag hatte sich endgültig in einen "Urstrom der Geschichte" (Genscher) verwandelt.

- Hans-Dietrich Genscher, Karel Vodicka: Zündfunke aus Prag. Wie 1989 der Mut zur Freiheit die Geschichte veränderte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 352 Seiten mit 62 Abbildungen, 24,90 Euro, ISBN 978-3-423-28047-1.