Berlin - Es gibt Romane, die gerade auf ihren letzten Seiten zeigen, wie schön ihre Geschichten sind. Tom Rachmans "Aufstieg und Fall großer Mächte" zählt dazu.

Das zweite Buch des 40-Jährigen gleicht einem erzählerischen Verwirrspiel. Es führt den Leser nach Bangkok, New York, Wales, Italien und springt zwischen den Jahren 1988, 1999 und 2011 hin und her. Im Mittelpunkt: Matilda "Tooly" Zylberberg, die einen staubigen Buchladen führt.

Ihre Vergangenheit birgt so viele Geheimnisse, dass sie selbst lange nicht versteht, was in ihrem Leben geschehen ist. Rachman - viele Jahre Journalist - zeigt wie in seinem ersten Roman "Die Unperfekten" vor allem seinen Blick für Menschen und deren Marotten. Während er in seinem Erstlingswerk den Niedergang einer englischsprachigen Tageszeitung in Rom beschreibt und jedem Mitarbeiter ein eigenes Kapitel widmet, flirren in "Aufstieg und Fall großer Mächte" die Figuren durcheinander.

Fast alle sind Reisende, die durchs Leben treiben: Humphrey mit seinem russischen Akzent, der gern große Denker zitiert und ein Kartoffelbrei-Sandwich isst; der charmante, aber flüchtige Venn; die aufgedonnerte Sarah; der Vogelbuch-Liebhaber Paul, der seiner Tochter vorm Zubettgehen immer die Hand schüttelt. Und natürlich Tooly, die als Kind am liebsten Nasen malt und in den Jahren, die das Buch erzählt, zur Erwachsenen heranwächst.

Rachman hat selbst in vielen Ländern gelebt, als Korrespondent in Japan, Ägypten oder auch Südkorea gearbeitet. Anfangs habe er nicht gewusst, wo er seine Geschichten spielen lassen sollte, erzählte er bei einer Lesung. Anders als große Autoren habe er nicht den einen Ort gefunden, wie etwa James Joyce mit Dublin oder Charles Dickens mit London.

Der 40-Jährige hat das Internationale für sich entdeckt, das Heimatlose in einer zusammenwachsenden Welt. Mehr Menschen hätten heute eine kompliziertere Herkunft als früher, erzählte Rachman bei einer Lesung seines neuen Romans. "Es gibt mehr Leute, (...) die nicht sicher sind, wer sie sind." Das ist auch die zentrale Frage, die seine neue Protagonistin klären muss: Woher kommt Tooly? Wer sind die Leute, mit denen sie aufwächst? Und warum verschwinden alle?

Der Leser beginnt erst nach gut der Hälfte des Buches zu verstehen, wie die Figuren zusammenhängen. Die britische Zeitung "The Guardian" spricht von einem großen Puzzle. Es geht um Manipulation, Eigennutz und Freundschaften. "Beziehungen waren nie ausgewogen, auch wenn sich die Menschen dies noch so sehr wünschten", heißt es an einer Stelle, die den Leser länger nachdenken lässt.

Rachmans Titel "Aufstieg und Fall großer Mächte" hat für ihn mehrere Bedeutungen, wie er selbst einmal geschrieben hat. Der Name beschreibt das Heranwachsen einer Person, den Aufstieg und Fall der Menschen um sie herum und den geschichtlichen Wandel, mit dem wir ständig leben. Rachman fasst all das zusammen, indem er durch Zeiten und Länder springt und versucht, eine durchlöcherte Vergangenheit zusammenzuflicken. Ob Tooly auf ihre Fragen Antworten findet, erfährt der Leser auf den letzten Seiten.

- Tom Rachman: Aufstieg und Fall großer Mächte, Deutscher Taschenbuchverlag, München, 496 Seiten, 21,90 Euro, ISBN 978-3-423-28035-8.