Berlin - In einer rauen, scheinbar von allen guten Geistern verlassenen Ecke im Süden von Texas spielt sich ein brutales Drama ab.

Gleich zu Beginn seines Romans "Regengötter" lässt der Amerikaner James Lee Burke ein schreckliches Verbrechen geschehen: Neun Asiatinnen, die gerade als Drogenschmugglerinnen und Prostituierte illegal ins Land gebracht worden waren, werden erschossen und hinter einer aufgegebenen Kirche verscharrt.

Ein junger Mann gibt der Polizei einen anonymen Hinweis und löst dadurch eine weitere Welle der Gewalt aus. Er muss mit seiner Freundin vor den Tätern flüchten, die keine Sekunde zögern würden, auch ihn zu töten. Auch die staatliche Ordnung, verkörpert von dem Sheriff mit dem seltsamen Namen Hackberry Holland, scheint keine Hilfe bieten zu können.

James Lee Burke, der von vielen Kritikern mit Cormac McCarthy verglichen wird, erzählt die Geschichte mit Figuren, die ähnlich überdimensioniert sind wie die Landschaft, in der sie handeln. Nichts scheint den 70 Jahre alten Holland aus der Ruhe zu bringen, noch nicht einmal eine auf ihn gerichtete Pistole.

Eine besonders bemerkenswerte Figur hat Burke in dem Killer Jack Collins geschaffen. Dieser wird von allen "Preacher" genannt, weil er häufig die Bibel zitiert oder sich auf sie bezieht, philosophische Ratschläge erteilt und sich für ein Werkzeug Gottes hält. Collins ist eine wahrlich dämonische Figur, durch und durch grausam und böse, zugleich getrieben von der Suche nach einer moralischen Grundlage und nach Erlösung: "In diesem Geschäft erkennst du die große Dunkelheit in dir. Du gehst hinein und stirbst dort. Danach musst du nicht noch einmal sterben."

Auf den ersten Blick könnte der Kampf zwischen Sheriff Hackberry Holland und Preacher Jack Collins ein in die Gegenwart verlegter Western sein, einschließlich Verfolgungsjagden und Schießereien. Aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die wahren Bösewichte andere Menschen sind.

Hinter Collins und den anderen Gaunern stehen Gangster, die vom Hurrikan Katrina aus New Orleans nach Texas vertrieben worden sind und nun ihre Geschäfte in neuer Umgebung aufziehen. Und hinter diesen stehen wieder andere, die eher als Unternehmer denn als Verbrecher auftreten. Sie haben es geschafft, wie der Sheriff sagt, "Kolonialherren in ihrem eigenen Land zu werden".

Die Anwesenheit und die Macht dieser neuen Kriminellen erklärt auch den Titel des Romans. Eine der vielen Nebenfiguren erläutert Hackberry die wahre Dimension des Problems aus der Sicht der Ureinwohner: "Die Regengötter haben uns den Rücken gekehrt. Sie kommen nicht zurück, solange diese Drogendealer und Mörder hier herumlaufen."

Eine Auflösung dieses Dilemmas liegt natürlich weit außerhalb der Möglichkeiten eines einfachen Sheriffs. Aber ein falscher Optimismus wäre ohnehin fehl am Platz in diesem Roman, der knallharte Action und eine desillusionierte Weltsicht überzeugend verbindet.

- James Lee Burke: Regengötter, Heyne Verlag, München, 660 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3-453-67681-7.