Berlin - Der Amerikaner Christopher McCandless starb einen der seltsamsten Tode der 90er Jahre. Wenige Tage nach seinem Uni-Examen spendete er all sein Geld, 24 000 Dollar, für gute Zwecke und machte einen Aussteiger-Trip durch die USA.

Der junge Mann fuhr durch die Wüste, jobbte in der Imbissbude und steuerte Mähdrescher. Er brach jeden Kontakt zum Elternhaus ab und schlug sich auf einer fast zwei Jahre dauernden Reise durch bis in die Wildnis von Alaska. Dort starb er im Spätsommer 1992. Abgemagert. Entkräftet. Allein. Mit 24 Jahren.

Nach späteren Recherchen hatte McCandless sich nichtsahnend an wilden Kartoffelsamen vergiftet. Ein reißendes Hochwasser versperrte ihm den kurzen Weg in die rettende Zivilisation. Das Buch "Into the Wild" von Jon Krakauer (1996) und der gleichnamige Kinofilm von Sean Penn (2007) machten sein Schicksal bekannt. Er wurde zum Teenager-Helden.

Dennoch ist dieser Held selbst immer ein wenig rätselhaft geblieben. Eine Frage stellten sich viele: Wie kann sich jemand so abrupt von seiner Familie lösen? Sich einfach nie wieder melden? So radikal die Einsamkeit suchen? Die jüngere Schwester von Christopher McCandless, Carine, gibt jetzt einige ernüchternde Antworten. Sie sagt: Weil der Vater ein Gewaltmensch war, der die beiden Geschwister physisch und psychisch misshandelt hat. Alles mit Wissen und Billigung der Mutter.

Das ist im Detail nachzulesen in Carine McCandless\' Erinnerungen "Wild Truth - Die wahre Geschichte des Aussteiger-Idols aus "Into the Wild"". Mit "sadistischem Vergnügen" habe der Vater sie gezüchtigt. "Kurz und scharf knallte das Leder zwischen unseren Schreien." Grund für Strafen gab es in der Regel nicht, schildert McCandless. Sie und ihr Bruder hätten als eine Art Blitzableiter gedient, wenn sie die Eltern mal wieder heftig gestritten hätten. Nach außen: eine saubere bürgerliche Fassade. Diese einzureißen, traue sie sich erst jetzt.

Christopher wird von seiner Schwester auf einen Sockel gestellt. Von Kindesbeinen an habe ihr großer Bruder sie vor Angriffen beschützt und mit ihr die Schockerlebnisse verarbeitet. Neben Gewalterfahrungen gehörte dazu die Erkenntnis, dass ihr Vater - ein gut verdienender Radar-Ingenieur - sich ihre Mutter als Mätresse gehalten hatte und sowohl Christopher als auch Carine unehelich zur Welt gekommen waren.

McCandless senior hatte da nicht nur bereits fünf Kinder, sondern zeugte auch noch ein sechstes Kind, bevor er sich endgültig durchrang, sich von der ersten Ehefrau zu trennen und die fatale Ehe mit seiner zweiten Frau einzugehen. Die Erlebnisse als Kind strahlen auch auf das Leben von Carine McCandless als Erwachsener aus. Als sie 18 Jahre alt wird, flüchtet auch sie - in eine Ehe voller Gewalt.

Es ist schwierig, ein angemessenes Urteil über dieses Buch zu finden. Einerseits könnte man vorbringen: Das sind 400 Seiten mit einer Menge tragischer Begebenheiten aus dem Leben einer Frau, deren Buch von vielen vermutlich in erster Linie gekauft wird, weil der Bruder ein toter Prominenter ist. In der zweiten Hälfte der Autobiografie kommt Christopher McCandless dann über große Strecken nur am Rande vor. Es geht um Trauer, um das Filmprojekt - und um Carines Leben.

Andererseits ist die Überwindung von Carine McCandless zu würdigen, derart traumatische Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Nach Auskunft des Verlages der deutschen Ausgabe, haben die Eltern in den USA keine rechtlichen Schritte gegen das Buch unternommen.

Darüber hinaus liefert "Wild Truth" einige Puzzlestücke, die - soweit es um Christophers Todesumstände geht - bei Erscheinen von "Into the Wild" 1996 entweder so noch nicht bekannt waren; oder die - soweit es um die Familie geht - Carine McCandless sich nach eigenen Worten erst jetzt zu veröffentlichen wagt. Sie machen Charakterzüge verständlich, die am Sonderling McCandless so verstörend wirkten, ihn aber in den Augen mancher zu einer Art Messias-Figur machten. Und sie sind für manches Detail gut, das ihn menschlich näherbringt, etwa über die einzige Freundin, die er im Leben hatte; lange bevor in Alaska ein verlassener Schulbus sein Heim wurde. In den USA ist "Into the Wild" Schullektüre. "Wild Truth" wird dies vermutlich nicht gelingen.

- Carine McCandless: Wild Truth - Die wahre Geschichte des Aussteiger-Idols aus "Into the Wild". btb Verlag, München. 400 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-442-75458-8.