Berlin Ein bemerkenswerter Mann steht im Mittelpunkt von Jo Nesbøs neuem Roman "Der Sohn". Sonny Lofthus genießt eine Sonderstellung im Gefängnis von Oslo. Für seine Mitgefangenen ist er eine Art Beichtvater. Die Gefängnisleitung versorgt ihn sogar mit Drogen.

Sonnys Gegenleistung: Er bekennt sich zu Straftaten anderer Menschen schuldig, ermöglicht so schnelle Fahndungserfolge und Straffreiheit für zahlungskräftige Täter.

Erst allmählich werden die Hintergründe für dieses merkwürdige Arrangement erklärt. Sonny war der Sohn eines ausgezeichneten Osloer Kriminalbeamten und hatte alles daran gesetzt, dem Vorbild seines Vaters zu folgen. Dann war seine Welt zusammengebrochen, als sein Vater bekannt hatte, Informant einer Verbrecherbande zu sein. Er nahm sich das Leben. Viele Jahre später, kurz nach Beginn der Romanhandlung, erfährt Sonny von einem Mitgefangenen, dass sein Vater ermordet wurde.

Der hochintelligente Sonny, der gleich nach seinem Ausbruch seinen Rachefeldzug beginnt, wird von vielen gejagt, den korrupten Gefängnischefs, den Verbrecherbanden, die alles in der Hand zu haben scheinen, und nicht zuletzt von der Polizei. Ausgerechnet ein alter Freund seines Vaters soll Sonny aufspüren.

Mit diesem Ermittler, Simon Kefas, ist dem Norweger Nesbø ein überzeugend realistisches Porträt eines Kriminalpolizisten gelungen. Eigentlich wartet Kefas nur auf die nahende Rente. Vom Beruf erwartet er schon lange nichts mehr. Aber er ist hoch verschuldet, und seine Frau droht zu erblinden, wenn sie nicht bald eine teure Operation bekommt. So gerät auch Kefas in die Sphäre derjenigen, die versuchen, sich alles und alle zu kaufen, was sie wollen. Aber Kefas versucht, vor sich selbst seine Integrität zu bewahren.

Äußerst clever, in den unterschiedlichsten Verkleidungen und absolut unvorhersehbar zieht Sonny seine Rachespur durch Oslo. Dabei kommen ihm die Kenntnisse zu Gute, die er als Vertrauter seiner Mitinsassen erworben hatte. Kefas fasst Sonnys Vorteil kurz und prägnant zusammen: "Er weiß alles."

Aber er ist nicht einfach nur ein Mörder. Nesbø hat auch ihm ein glaubhaftes Seelenleben gegeben, einschließlich Selbstzweifeln und einer vorsichtigen Liebesbeziehung.

Sonnys Rachefeldzug ist grausam, und einige brutale Szenen finden ihren Weg auch in den Roman. Leser von früheren Nesbø-Romanen um den Ermittler Harry Hole kennen diese düstere Welt und ihre mitunter heftige Gewalt. Sie passt allerdings auch bestens zur pessimistischen Thematik des Buchs.

"Der Sohn" ist ein spannender, wenn auch etwas zu lang geratener, Roman mit starken Szenen, aber auch einigen Schwächen. So ist die Korruption im Justizsystem vielleicht etwas übertrieben dargestellt und Sonny überwindet die Folgen jahrelanger Heroinabhängigkeit vielleicht etwas zu schnell, um glaubhaft zu sein. Aber "Der Sohn" ist keine realistische Dokumentation, sondern ein auf Effekt ausgelegter Kriminalroman. Und als solcher wirkt er.

- Jo Nesbø: Der Sohn. Ullstein Verlag, Berlin, 522 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-550-08044-9.