Berlin - "Lieber Freund", schrieb Gandhi an Hitler, "Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden."

Naiv mutet das Schreiben an, das der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, berühmte Ikone der Gewaltlosigkeit, im Juli 1939 an den Nazi-Diktator richtete und in dem er Hitler beschwor, keinen Krieg anzuzetteln. Wenige Wochen später begann der Zweite Weltkrieg. Zu finden ist Gandhis Brief in dem prächtigen Band "Letters of Note - Briefe, die die Welt bedeuten", in dem Herausgeber Shaun Usher 125 ungewöhnliche Briefe gesammelt hat - Korrespondenz von Persönlichkeiten der Weltgeschichte ebenso wie von ganz normalen Menschen.

Basis des Buches, das 2013 in Großbritannien herauskam und nun auch auf Deutsch vorliegt, ist eine ebenso ungewöhnliche Website, die Usher ins Leben gerufen hat: Lettersofnote.com. Etwa 900 Briefe sind hier nach Angaben des Herausgebers dokumentiert - eine Art Online-Museum der brieflichen Korrespondenz.

Das Buch zeigt Originalbriefe im Faksimile, daneben stehen die deutschen Übersetzungen. Mehr als sieben eng beschriebene Seiten umfasst etwa der Brief, in dem Laura Huxley im Dezember 1963 die letzten Lebenstage ihres Mannes, des berühmten Autors Aldous Huxley, schildert und den sie als "Fortführung seines Lebenswerks und deshalb für die Menschen allgemein von Bedeutung" bezeichnet. Kurz fasste sich dagegen Mario Puzo: In wenigen Zeilen teilte er Marlon Brando 1970 mit, dass dieser der einzige Schauspieler sei, der den "Paten" spielen könne. "Ich glaube wirklich, Sie wären fantastisch", schrieb der Autor.

Elisabeth II. schickte ein Eierkuchenrezept an den US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, der Punkrocker Iggy Pop antwortete einem weiblichen Fan: "Als ich einundzwanzig wurde, war ich auch extrem unglücklich und hatte schwer zu kämpfen." Briefe von Charles Dickens, Groucho Marx, Albert Einstein, Ray Bradbury, Hunter S. Thompson, Louis Armstrong, Mark Twain oder Rainer Maria Rilke finden sich hier.

Komisches und Tragisches, Sachliches und Emotionales liegen dicht beieinander. Drei weibliche Elvis-Fans appellierten 1958 an Präsident Eisenhower, den King of Rock\'n\'Roll nicht zur Armee einzuziehen, ihm aber auf keinen Fall einen Bürstenhaarschnitt zu verpassen: "Denn sonst sterben wir nämlich!" Schonungslos schrieb Ernest Hemingway an F. Scott Fitzgerald über dessen Roman "Zärtlich ist die Nacht": Es sei "nicht annähernd so gut, wie Du es könntest". Und wen würden nicht Virginia Woolfs Abschiedsworte an ihren Mann Leonard Woolf berühren: "Du hast mir das größte erdenkliche Glück geschenkt ... Ich glaube nicht, dass jemals zwei Menschen miteinander glücklicher waren, bis diese schreckliche Krankheit ausbrach. Ich bin am Ende meiner Kraft." Dann nahm sich die von einer Depression zerstörte Autorin das Leben.

Herausgeber Usher ist ständig auf der Suche nach weiteren Briefen, die er in seinem Blog dokumentiert. Lettersofnote ist ein Projekt, das Segen und Fluch des Internets gleichermaßen deutlich macht: Es nutzt die Möglichkeiten des Netzes, um eine Sammlung zusammenzutragen und der Allgemeinheit zu präsentieren, wie es analog kaum und sicher nicht in so kurzer Zeit möglich wäre. Zugleich fragt sich der Leser aber auch mit etwas Wehmut, ob denn die heutige Zeit mit ihrer Flut von Mails, Postings und Tweets überhaupt noch imstande ist, solch beeindruckende, berührende, bewegende Briefe hervorzubringen.

- Shaun Usher (Hg), Letters of Note - Briefe, die die Welt bedeuten, Heyne Verlag München, 408 S., 34,99 Euro, ISBN 978-3-453-26955-2.