Berlin - Der Journalist und Publizist Klaus Harpprecht saß als Berater und Redenschreiber für Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zwei Zimmer entfernt von Günter Guillaume, dem später als DDR-Spion enttarnten ostdeutschen Offizier der Nationalen Volksarmee.

Harpprecht kannte Brandt schon seit den 50er Jahren in Berlin. In Bonn bekam der heute 87-Jährige Einblick in die Mechanismen der Machtpolitik und die Mentalität ihrer Akteure, einschließlich privater Verhältnisse. Zu seinen Gesprächspartnern gehörten auch Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Egon Bahr und Günter Gaus. Darüber gab er schon in seinen früher veröffentlichten Tagebüchern Auskunft ("Im Kanzleramt"). Jetzt weitet sich der Rückblick auf ein langes und und abenteuerliche Leben eines immer neugierigen Beobachters.

Der langjährige Amerika-Korrespondent des ZDF, Hörfunk- und Zeitungskorrespondent, Buch- und TV-Autor (mit über 50 Dokumentar-Features) sowie zeitweilige Verlagsleiter, der seit Jahrzehnten mit seiner Frau Renate Lasker-Harpprecht in Südfrankreich lebt, legt seine "Erinnerungen ans Überleben und Leben" vor, "keine Autobiographie", wie er im Vorwort betont, und dabei doch nicht ganz recht hat ("Schräges Licht").

Es sind die Erinnerungen eines ebenso umtriebigen wie fleißigen (wie er das selbst sieht) Journalisten von den Anfangsjahren bei der Wochenzeitung "Christ und Welt" durch Vermittlung von Eugen Gerstenmaier, den West-Berliner Nachkriegssendern RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), Sender Freies Berlin (SFB), beim WDR und beim ZDF sowie als Autor der großen überregionalen Blätter der westdeutschen Republik. Mehrere Jahre lang schrieb Harpprecht auch an einer vielgerühmten und mit über 2000 Seiten monumentalen Thomas-Mann-Biografie, eine der besten überhaupt.

Sehr lesenswert sind Harpprechts Erfahrungen und Begegnungen in den USA, aus denen der Amerika-Liebhaber ebenso wie der überzeugte Atlantiker spricht, der immer für ein vereintes Europa eingetreten ist.

Es sind auch die Erinnerungen des 1927 in Stuttgart geborenen Harpprecht an eine Kindheit und Jugend in "Führers Reich", wie er ein Kapitel nennt. Sein Archiv hat der Autor mittlerweile an die Berliner Akademie der Künste übergeben. Privates beanspruche in seinen Erinnerungen den gleichen Raum wie der Beruf und die sogenannte Zeitgeschichte, betont Harpprecht, denn er liebte und liebe das Leben, "die Liebe, die Essenz des Lebens". So kommen auch die Frauen in seinem Leben oder als Partner der zahlreichen Weggefährten nicht zu kurz, "attraktiv wie klug", wie es manchmal heißt.

Die Verehrung für den - in seiner Amtszeit auch umstrittenen - Kanzler Brandt (im Buch meist nur WB genannt) ist bei Harpprecht deutlich spürbar. "Er ist neben dem Gründungskanzler Konrad Adenauer der Einzige, der im Mythos der deutschen Demokratie seinen Platz hat. (Auch wenn Kanzler Schmidt zurzeit, dank der Präsenz seiner Persönlichkeit im hohen Alter als der bedeutendste gilt. Er selber weiß es besser." Schmidt und Brandt hatten laut Harpprecht wenig Sympathie füreinander, und ihn - Harpprecht - habe Schmidt einen Brandt-Höfling genannt, zusammen mit Günter Grass und Günter Gaus.

"Mir war deutlich genug, wie sehr WB die Launen und der Hochmut seines Superministers Schmidt zusetzten." Schmidts Verhalten sei von Eifersucht und Ressentiment diktiert gewesen, "über den Tod hinaus", meint Harpprecht. "Er tat das Seine - davon wollte er später nichts mehr wissen -, um die Autorität des Regierungschefs zu untergraben." Darin habe er sich mit dem damaligen SPD-Fraktionschef Herbert Wehner einig gewusst, der Brandt öffentlich (in Moskau) herabsetzte mit Äußerungen wie "Der Herr badet gerne lau".

Harpprecht meint, Brandt hätte Wehner entlassen müssen, sei sich aber über die Kräfteverhältnisse in der Fraktion unschlüssig gewesen. Angriffspunkte hatte Brandt allerdings vermutlich auch wegen seiner zeitweisen melancholischen Stimmungen gegeben, bis hin zu Depressionen, die ihn manchmal tagelang zu schaffen machten oder sogar außer Gefecht setzten ("Willy, wir müssen wieder regieren", hieß es dann). Brandt sei ein vor allem nach innen gekehrter Mensch gewesen, der eher Distanz gesucht habe. "Sein Schweigen war eine schreckliche Waffe."

Harpprecht geht nicht besonders zimperlich mit manchen Weggenossen um. "Wer übrigens Brecht bis auf einen Meter nahekam, konnte nicht umhin, wahrzunehmen, dass er stank wie ein Wiedehopf. Er schien sich aus Prinzip nicht zu waschen." Und Jahrzehnte später, über seine Berufserlebnisse berichtend, habe ihm Guido Knopp als "ölig-agiler Chef der Redaktion", als "intelligenter und eher eitler Kollege", mit seiner "Verknoppisierung des Fernsehens", die mittlerweile um sich gegriffen habe, die Lust am TV-Handwerk ausgetrieben.

Aber auch insgesamt findet Harpprecht manchmal harte Worte für seine eigene Zunft - "rüde, wie es Journalisten nicht selten sind". An seine aufregenden Anfangszeiten als Journalist sich erinnernd, schreibt er: "Ich begriff, daß Journalismus mehr sein kann als Information, belehrende Leitartikel, Kritik, freischwebendes Feuilleton. Im Glücksfall konnte Journalismus der Menschlichkeit ein wenig auf die Sprünge helfen." Vor allem aber war der Journalismus für Harpprecht immer "die Chance, viele Leben zu leben". Davon legen seine Erinnerungen lebhaft Zeugnis ab.

- Klaus Harpprecht: Schräges Licht. Erinnerungen ans Überleben und Leben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 560 Seiten, 26,99 Euro, ISBN 978-3-10-030067-6.