Berlin - "Natürlich, sie sind ja alle tot - deshalb ist jetzt niemand hier. Außer mir." Erst mit dem Ende des Romans "Die Verfluchten" lassen sich diese Sätze aus dem Prolog wirklich deuten.

Dazwischen hat die Grande Dame der US-Literatur, Joyce Carol Oates, auf knapp 750 Seiten ein skurriles Sittengemälde der amerikanischen Elite-Gesellschaft um die Wende zum 20. Jahrhundert gezeichnet - und daraus einen Schauerroman gestrickt.

Wer Geduld hat, wird belohnt: Es dauert rund 100 Seiten, bis das Grauen ganz langsam in den Roman kriecht - erstmals in Form von Ruth, einem Mädchen, das an einem Apriltag 1905 mit weißem Kleid, nackten Füßen und der "Blässe des Grabes" auf einem Dachsims hockt. Das Ungewöhnliche: Das Kind war ein Jahr zuvor bereits an Diphtherie gestorben. Es ist der erste Vorbote eines Unheils, das die Familie des Geistlichen Winslow Slade und die gesamte High Society in Princeton heimsuchen wird.

Oates selbst lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in dem kleinen Universitätsstädtchen in New Jersey. Studenten stehen für einen Platz in ihren Seminaren an der Elite-Hochschule Schlange. Die 76-jährige gilt mit ihren bisher mehr als 50 Büchern seit Jahren als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis. "Die Verfluchten" (engl. "The Accursed") - begonnen in den 1980ern - gehört mit "Bellefleur", "Die Schwestern von Bloodsmoor" und "Die Geheimnisse von Winterthurn" zu einer Serie von Schauerromanen.

Erzählt wird die Geschichte um den sogenannten Crosswick-Fluch von M. W. van Dyck II., einem fabulierenden Hobby-Historiker. Der hält - eine schlechte Eigenschaft - alles für berichtenswert, was ihm unter die Augen kommt. Es geht um Ränke und Intrigen auf dem Uni-Campus, aber auch um die amerikanische Gesellschaft im Allgemeinen - zwischen dem aufkommenden Sozialismus und dem Festhalten am Klassendenken, um Frauenhass und religiöse Intoleranz. Eigentlich ist "Die Verfluchten" ein Roman über die Macht des weißen Mannes.

Und diese Macht ist krank: Da ist etwa Uni-Präsident Woodrow Wilson, ein Hypochonder und Pedant. Nur die tägliche Spritze Heroin zwischen seine Fußzehen und seine Magenpumpe bringen ihn durch den Alltag. Am späteren US-Präsidenten lässt Erzähler van Dyck kein gutes Haar.

Oder der spröde Dabney Bayard, Spross einer hochangesehenen Familie, dessen liebliche Braut Annabel Slade vom Hochzeitsaltar weg entführt wird. Sie kommt in ein Verlies und muss niederwertige Hausarbeiten ableisten. Ihr geschieht - wie es in Princeton heißt - "das Unaussprechliche". Sie kann ihrem Peiniger entkommen, gebiert einen Dämon und stirbt im Kindbett. Aber es könnte auch ganz anders sein: Van Dyck tischt dem Leser in seiner pseudo-historischen Akribie nach und nach diverse Gerüchte über das Geschehen auf.

"Die Verfluchten" ist ein literarischer Flickenteppich - sowohl in Handlung und Figuren, als auch im Stil: Der genreübergreifende Plot setzt sich zusammen aus geheimen Tagebucheinträgen, Berichten, Briefen, irrelevanten Seitensträngen und Fußnoten. Über allem liegt eine leichte Gänsehaut. Dabei ist das Schauerliche nicht immer nur ein Element von Dämonen. Oft ist auch der Mensch des Menschen Wolf.

Besonders zu erwähnen ist die beeindruckende Szene des Schriftsteller-Schmauses in einem piekfeinen New Yorker Edellokal. Jack London ("Der Seewolf") reißt mit den Zähnen das rohe Fleisch von den Knochen, schlürft Austern, stürzt Whisky, Bier und Wodka in sich hinein und schwafelt etwas von "nordischer Rasse" und Überlegenheit. Dagegen erschrickt der Vegetarier und Abstinenzler Upton Sinclair ("Der Dschungel") über die Einstellungen seines sozialistischen Idols. Am Ende liegen der hemdsärmlige Raufbold mit blutender Kopfwunde und Sinclair mit Erbrochenem um dem Mund in einer Ecke. Und irgendwie hat das alles etwas mit dem Crosswick-Fluch zu tun.

Oates macht die großen Namen der amerikanischen Geschichte zu Karikaturen ihrer selbst. Grusel-Altmeister Stephen King schreibt in der "New York Times" über den Roman: "Er ist derb, fesselnd, problematisch, grauenerregend, lustig, weitschweifig und voller verrückter Figuren. Man sollte ihn unbedingt lesen."

"Die Verfluchten" ist ein Fiebertraum. Alles steht meilenweit entfernt und greift doch ineinander. Zugegeben: Es ist kein einfacher Roman, aber einer, bei dem sich meist die Nackenhaare sträuben - nicht ausschließlich wegen des Schauders, sondern auch wegen seiner Skurrilität, seiner kruden Wendungen und der verrückten Einfälle.

Joyce Carol Oates: Die Verfluchten. S. Fischer Verlag, 752 S., 26,99 Euro, ISBN 9783100540218