Berlin - Sein Wartezimmer war leer, und so hatte der junge
Arzt Arthur Conan Doyle Zeit und Muße, Kurzgeschichten zu schreiben.


Dass er mit dem ebenso genialen wie verschrobenen Detektiv Sherlock Holmes aus dem Stand einen Mythos erschuf, dürfte dem gebürtigen Schotten zu Beginn seiner Autorenkarriere um 1880 herum kaum bewusst gewesen sein.

Das Publikum liebte die Abenteuer von Holmes und seinem treuen Chronisten Dr. Watson so sehr, dass Conan Doyle mit dem Schreiben kaum nachkam und schließlich beschloss, seinen Helden im Kampf mit dem Erzrivalen Moriarty an den Reichbachfällen in der Schweiz sterben zu lassen. Die Leser waren entsetzt, und nach acht Jahren kehrte der Totgeglaubte im "Hund von Baskerville" zurück.

Mit dem vermeintlichen Tod von Holmes in der Geschichte "Das letzte Problem" beginnt "Der Fall Moriarty" von Anthony Horowitz. Der britische Drehbuchautor und Romancier hatte bereits 2011 mit "Das Geheimnis des weißen Bandes" einen temporeichen Roman um Sherlock Holmes vorgelegt. Jetzt scheinen der große Detektiv und sein Begleiter Dr. Watson Geschichte zu sein, und zwei neue Protagonisten betreten die Szenerie.

Da ist zum einen Inspektor Athelney Jones von Scotland Yard, den Conan Doyle-Leser als eher belächelte Nebenfigur aus einigen Holmes-Geschichten kennen. Ihm zur Seite steht Frederick Chase, angeblich ein Ermittler der New Yorker Detektiv-Agentur Pinkerton, der nach England gekommen ist, um dem Supergangster Clarence Devereux das Handwerk zu legen.

Jones und Chase tauchen tief ein in das viktorianische Verbrecher-Milieu, erleben perfide Giftmorde ebenso wie gruselige Kindesentführungen oder mörderische Racheakte, und müssen mehr als einmal um ihr Leben fürchten. Es geht Knall auf Fall zur Sache: Der mit einigen drastischen Szenen gespickte Roman scheint der populären britischen TV-Serie "Sherlock Holmes" oder Guy Ritchies actionreichem Kinofilm mit Jude Law und Robert Downey Jr. nacheifern zu wollen. Schade, vom bedächtigen Gestus und dem feinen Humor der Original-Geschichten bleibt hier wenig übrig.

Zum Ende hin hat Horowitz für seine Leser noch eine faustdicke Überraschung parat, die er im Romantitel bereits angedeutet hatte. Ein wenig fühlt man sich als Leser dann doch an der Nase herumgeführt. Und in Anspielungen und versteckten Hinweisen geistert natürlich auch der große Sherlock Holmes durch diesen blutrünstigen Roman. Der Mythos ist einfach nicht totzukriegen.