Berlin - "Dieser Roman ist weder ein Tatsachenbericht noch erhebt er einen Faktizitätsanspruch. Er soll einen Eindruck der Wirklichkeit vermitteln, bildet diese jedoch nicht ab. Alle Figuren sind erfunden."

Das schreibt der Autor Florian Lanz auf einer der ersten Seiten seines Erstlingswerks "Bundeskanzler".

Ja, aber, möchte man sagen, sie sind nicht frei erfunden. Man hat eine Ahnung, wer gemeint sein könnte, sieht sich in Teilen im eigenen Bild der vermeintlich Beschriebenen bestätigt, erfährt Neues, ohne dass es Lanz zuließe, klar zu identifizieren, schon zum eigenen Schutz. Er darf - auch im Nachhinein - keine Interna ausplaudern, er muss also die direkte Zuordnung vermeiden, ohne dem Leser die Lust an der Spekulation zu nehmen, etwa: Ist Gerhard Schröder Vorbild für Lanzens Bundeskanzler Leon Hansen? "Assoziationen sind ausdrücklich erwünscht", sagte Lanz.

Wenn Lanz etwa Michaela Schreuner beschreibt, die seit 16 Jahren die engste Mitarbeiterin von Leon Hansen ist, dann kann man ebenso an die Büroleiterin von Helmut Kohl, Juliane Weber, erinnert sein, als auch an Beate Baumann, die Büroleiterin von Angela Merkel. Es sind Beispiele von Vertrauensverhältnissen in der Politik, die deswegen funktionieren, weil die Vertrauten mit ihren politischen Ambitionen ihren Chefs nicht in die Quere kommen, weil ihre größte Ambition offenbar die ist, im Zentrum der Macht im Hintergrund zu agieren.

Normalerweise schreiben Journalisten solche Romane oder Krimis - aus einer in der Regel kenntnisreichen Außensicht. Lanz ist Sprecher - an einigen Stellen merkt man deutlich, dass er aus der Gesundheitspolitik kommt. Er bewegt sich hinter den Kulissen, er schreibt aus einer Innensicht. Er ist unmittelbar dabei, wenn um politische Entscheidungen gerungen, gestritten wird. Er erlebt und sieht den Intrigenreichtum politischer Akteure aus nächster Nähe. Und er sieht Journalismus und Journalisten gerne als Teil des politischen Ränkespiels.

Lanz beschreibt diese Position genüsslich am Beispiel von Hansens Regierungssprecher Paul Ullmann. "Ullmann wollte endlich nicht mehr vor den verschlossenen Türen stehen und für den Fernsehzuschauer spekulieren, was wohl gerade dahinter besprochen wurde. Er wollte dabei sein, wenn die Türen geschlossen und die Dinge entschieden wurden."

Das alles macht die Geschichte von Lanz aus. Sie ist kenntnisreich geschrieben, bleibt bis zum Schluss spannend in einer angenehm lesbaren Erzählsprache, ohne Effekthascherei. Daran ändert auch nichts, dass der Roman kapitelweise in Zeitsprüngen aufgebaut ist. Denn die Kapitel sind geschickt mit einander verbunden, bauen quasi aufeinander auf, so dass der Erzählfaden nie abreißt.

- Florian Lanz: Bundeskanzler. Helios Media, Berlin, 17,90 Euro, 392 Seiten, ISBN 978-3-942263-28-3.