Berlin - Von Anna Sacher, der legendären Hotelchefin, sind vor allem Zerrbilder überliefert. Ihre Vorliebe für dicke Zigarren ist ebenso bekannt wie ihre Leidenschaft für Französische Bulldoggen, die sie sogar selbst züchtete.

Porträts zeigen sie als selbstbewusste Patronin, die sich ihrer gesellschaftlichen Stellung sehr wohl bewusst war. Doch was machte diese Unternehmerin wirklich aus? Dass eine Frau eines der führenden europäischen Hotels über vier Jahrzehnte erfolgreich leitete, war schließlich in der damaligen Zeit keineswegs üblich.

In ihrem Buch "Das letzte Fest des alten Europa. Anna Sacher und ihr Hotel" begibt sich Monika Czernin nun auf Spurensuche. Die österreichische Autorin und Filmemacherin versucht die resolute Wienerin von verstaubten Klischees zu befreien. Anna Sacher (1859-1930) ist ihrer Ansicht nach weit mehr gewesen als ein "Zigarre rauchender Feldwebel und eine schnoddrige Kultfigur des Fin de Siècle", nämlich eine moderne Frau. Sie war nicht nur "Managerin eines bedeutenden und komplexen Unternehmens", sondern auch eine Person unter permanenter öffentlicher Beobachtung.

Die Autorin widersteht aber Gott sei Dank der Versuchung, aus der machtbewussten Patriarchin und Schwiegertochter des Sachertorten-Erfinders eine Vorläuferin der Emanzipation zu machen. Das war sie nämlich definitiv nicht. Czernins Buch ist ein Zwitter: Weder ist es ein klassisches Sachbuch noch ein Roman. Es ist tatsächlich nicht leicht, eine Biografie zu schreiben, wenn es an autobiografischen Zeugnissen fehlt.

Denn wie so viele unternehmerisch tätige Menschen hatte Anna Sacher kaum Zeit oder Lust, ihr Leben für die Nachwelt festzuhalten. Tagebücher oder Briefe von ihr sind nicht bekannt oder erhalten. Wie sie dachte oder fühlte, wir wissen es nicht. Weich gespülte und geschönte Nachrufe auf sie nach ihrem Tod sind da leider auch kein Ersatz.

Die Autorin ersetzt dieses dokumentarische Manko durch Fantasie, indem sie Anna Sacher in fiktiven Szenen und Gesprächen auftreten lässt. So sehen wir die Chefin im Smalltalk mit ihren berühmten Gästen. Alles, was Rang und Namen im Habsburgerreich hatte, ging schließlich bei ihr ein und aus: Kaiserin Elisabeth und Erzherzog Franz Ferdinand, die Gesellschaftsdame Pauline Metternich und der Skandal-Autor Arthur Schnitzler, der Maler Gustav Klimt und der Musiker Gustav Mahler, dazu viele k.u.k.-Promis, die heute kaum einer mehr kennt.

- Monika Czernin: Das letzte Fest des alten Europa. Anna Sacher und ihr Hotel, Knaus Verlag, München, 352 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-8135-0434-7.