Berlin - "Ich bin normal, meine Frau ist normal, von meinen Töchtern aber ist eine verrückter als die andere", stöhnte der Vater der Mitford-Schwestern, Baron Redesdale, einmal. Tatsächlich haben es die exzentrischen Schwestern in Großbritannien zu beispielloser Berühmtheit gebracht.

In den 1930er Jahren beherrschten sie mit ihren ebenso skandalösen wie glamourösen Auftritten die Schlagzeilen der Yellow Press. Später erschienen stapelweise Bücher über sie, aber auch Dokumentationen, Fernsehspiele und sogar ein Musical. In Deutschland dagegen sind sie nicht sehr bekannt. Allenfalls Unity Mitford ist als fanatische "Führer"-Anhängerin noch ein Begriff.

Neben dem Hitler-Groupie sind mindestens noch drei der insgesamt sechs Schwestern für Biografen von Interesse: Die scharfzüngige Schriftstellerin Nancy verarbeitete die Geschichte ihrer verrückten Familie zu Bestsellern. Die schöne Diana, Frau des britischen Naziführers Oswald Mosley, war wie Unity leidenschaftliche Faschistin. Dagegen wurde die zweitjüngste Schwester Jessica zur überzeugten Kommunistin. "Das rote Schaf der Familie", so der Titel einer Biografie von Susanne Kippenberger, rebellierte nicht nur gegen ihre aristokratische Herkunft, sondern auch gegen ihre beiden älteren Nazi-Schwestern.

Wahrscheinlich ist Jessica Mitford (1917-1996) tatsächlich die originellste der Schwestern, wie Kippenberger in ihrem Buch schreibt. Die Journalistin und Schwester des verstorbenen Malers Martin Kippenberger schildert mit großer Leidenschaft und Sympathie das aufwühlende Leben der britischen Aristokratin, die sich zur Kommunistin und Anti-Rassismus-Kämpferin mauserte. Neben dem umfangreichen Archiv Jessica Mitfords standen ihr dabei auch viele Zeitzeugen zur Verfügung, meist jüngere Verwandte der Mitford. Allerdings blieb der Biografin das Familienarchiv verschlossen.

In gewisser Weise erscheint Jessica Mitford, genannt Decca, wie eine zu früh geborene 68erin. Mit ihnen teilte sie die Respektlosigkeit, das Aufmüpfige, das Weltverbesserertum. Allerdings war sie um einige Grade humorvoller als die spätere Studentengeneration. Zudem war sie mutig bis zur Tollkühnheit. Das gilt nicht nur für ihren kurzen Gastauftritt im spanischen Bürgerkrieg. Obwohl sie niemals eine Schule besucht hatte - als britisches Upperclass-Girl erhielt sie Privatunterricht - und somit auch keinen Abschluss vorweisen konnte, wagte sie mit ihrer großen Liebe Esmond Romilly in den USA einen kompletten Neuanfang. Auch für einfachste Jobs war sich die Adelige dabei nicht zu schade.

Jessica Mitford war unkonventionell, ja manchmal geradezu dreist. So fand sie nichts dabei, sich notfalls bei reichen Amerikanern durchzuschnorren. Sie trat der amerikanischen kommunistischen Partei bei, die eigentlich viel zu verbissen und humorlos für sie war. In der McCarthy-Ära mit ihrer Hatz auf Kommunisten hatte sie dafür Nachteile zu erdulden. Es zeugt jedoch für ihren unabhängigen Geist, dass sie die Partei wieder verließ, als ihr die Politik der Sowjetunion nicht mehr behagte.

Es passt zu dieser in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Frau, dass sie 1963 einen Bestseller zu einem besonders morbiden Thema schrieb. "The American Way of Death" war eine süffisante Abrechnung mit der bizarren amerikanischen Bestattungsindustrie, ihren einbalsamierten und geschminkten Leichen.

Susanne Kippenberger verzahnt in ihrer flott geschriebenen Biografie das Leben Jessica Mitfords eng mit dem ihrer Familie, besonders dem ihrer nicht weniger extravaganten Schwestern. Zeiten der Ablehnung und des Schweigens folgten solche überraschender Nähe. Tatsächlich erhält die Biografie des "roten Schafs" ihre spezielle Würze erst vor diesem besonderen familiären Hintergrund. Hochadel, Kommunismus, Faschismus - was für eine unschlagbare Mischung.

- Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern, Hanser Verlag, München, 624 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 978-3-446-24649-2.