Berlin - Zwei Bücher hat Stephan Thome (42) bisher geschrieben, beide sorgten für größere Aufmerksamkeit. In seinem vielgelobten Debütroman "Grenzgang" schilderte er das Scheitern von Lebensentwürfen, das Versanden hochfliegender Pläne im banalen Provinzalltag.

Auch in seinem zweiten Buch, "Fliehkräfte", das es 2012 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, sezierte er ebenso nüchtern wie erbarmungslos Wohlstandsbiografien zwischen Anspruch und Versagen: Nach 20 Jahren befindet sich die Ehe zwischen dem Hochschullehrer Hartmut und der Portugiesin Maria in der Krise. Auf einer Reise nach Portugal versucht Hartmut, Klarheit über sich und sein Leben zu finden: Soll er einfach so weitermachen oder im vorgerückten Alter noch einmal einen Neustart wagen?

Erzählte "Fliehkräfte" die Geschichte dieser Ehe aus männlicher Sicht, so liefert Thome in seinem neuen Buch "Gegenspiel" nun den weiblichen Part. Maria nimmt die Beziehungskrise zum Anlass, ihr Leben zu überdenken. Auslöser ist ein Streit mit Hartmut während einer Autofahrt, der fast zu einem schweren Unfall führt. Die Ehe ist an einen Punkt angelangt, der zur Entscheidung drängt. Seit Maria an einem Berliner Theater eine Arbeit aufgenommen hat, führt das Paar nur mehr eine Wochenendbeziehung. Hartmut bleibt frustriert im Rheinland zurück. Seine Hochschultätigkeit macht ihm schon lange keine Freude mehr, die einzige Tochter ist flügge geworden.

Mit Ende 50 gerät der Philosophiedozent in eine verspätete Midlife-Crisis. Wie konnte es so weit kommen? Wie schon in "Fliehkräfte" entwickelt Thome die Geschichte in zahlreichen Rückblenden. Er erzählt von Marias Jugend in den 70er Jahren in Lissabon, einer Stadt, die einer ehrgeizigen und neugierigen jungen Frau nur wenig zu bieten hatte. Maria geht nach West-Berlin und findet im heruntergekommenen Stadtteil Kreuzberg "eine Enklave, an der die Zeit vorbeilief". Hier im Schatten der Mauer wird die junge Katholikin Teil der autonomen Szene, die sich wüste Straßenschlachten liefert, sich im antibürgerlichen Stil gefällt, vor allem aber durch schlechte Manieren auffällt.

Maria verliebt sich in den Theatermacher Falk, einen ebenso übellaunigen wie erfolglosen Menschen, ohne von ihm gleichermaßen zurückgeliebt zu werden. Der Boden ist bereitet für Hartmut. Mit dem aufstrebenden Wissenschaftler geht Maria nach Nordrhein-Westfalen, führt an seiner Seite ein unspektakuläres Leben als Ehefrau und Mutter. Ihre Träume hat sie erst einmal begraben. Mit Ende 40 sinniert Maria darüber, "wie viel Zeit im Leben sie mit Tagträumen vertan hat, mit Täuschungsmanövern, deren erstes Opfer sie selbst war".

Kompromisse, Umwege und Sackgassen bestimmen ihr Leben wie das der meisten Protagonisten von Stephan Thome, der letztlich immer die eine Frage stellt: Was ist ein gelungenes Leben? Dies lotet er in zahlreichen Dialogen und Paar-Szenen aus. In banalen Alltagssituationen zeigt er die Missverständnisse, die Sprachlosigkeit, das schleichende Scheitern in Beziehungen. Dass der Roman trotzdem nicht überzeugt, liegt an der Farblosigkeit und Banalität seiner Figuren. Thome lässt sie zudem Plattitüden wie diese sagen: "Ich hasse jede Idee, schon bevor ich sie habe." Das verkopfte Umsichselberkreisen im eigenen Mief auf über 400 Seiten endet absehbar schnell in Langeweile.

- Stephan Thome: Gegenspiel. Suhrkamp Verlag, Berlin, 464 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-518-42465-0.