Berlin - Es ist ein finsteres Kapitel der US-Geschichte, über das allzu lange der Mantel des Schweigens gebreitet wurde: Zwischen 1854 und 1929 wurden in den USA über 250 000 Waisenkinder aus den Großstädten des Ostens zu Farmerfamilien in den Mittleren Westen geschickt.

Dort sollten sie eine neue Heimat finden. Doch statt auf Liebe und Zuwendung trafen die Kinder oft nur auf kühle Berechnung und Eigennutz. Viele wurden als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, misshandelt, vernachlässigt.

Die Waisenzüge wurden nicht zum Symbol der Befreiung, sondern des Elends. Dies ist der historische Hintergrund, vor dem Christina Baker Klines berührender Roman "Der Zug der Waisen" spielt.

Die traurige Geschichte des irischen Waisenkindes Vivian traf die Amerikaner offenbar mitten ins Herz, jedenfalls stand das Buch wochenlang auf der Bestsellerliste. Für die meisten Leser dürfte die beklemmende Geschichte der Waisenzüge bis dahin völlig unbekannt gewesen sein.

Die Autorin konnte noch mit den letzten, inzwischen hochbetagten Zeitzeugen sprechen. Viele von ihnen schilderten erstmals ihr Leben. Alternierende Erzählperspektiven und Zeitebenen gliedern das Buch.

Zum einen ist da die jugendliche Molly, eine etwas renitente Halbindianerin, die bei ungeliebten Pflegeeltern aufwächst. Wegen eines Diebstahls muss sie soziale Arbeit leisten. Sie soll einer alten Dame beim Entrümpeln ihres Speichers helfen. Doch aus dem eher widerwillig abgeleisteten Job wird bald eine Herzensangelegenheit. Denn Molly verbindet mit der über 90-jährigen Vivian viel mehr, als sie zunächst denkt. Sie entdeckt, dass auch Vivian einst bei Pflegeeltern aufwuchs. Beide teilen sie das Schicksal der Außenseiterin.

Vivians Leben wird aus der Ich-Perspektive geschildert. Mit ihrer irischen Familie kommt sie in den 20er Jahren nach New York. Bei einem Brand stirbt ein Teil der Familie, Mutter und kleine Schwester sind verschollen. Vivian bleibt allein zurück. Mit kaum acht Jahren besteigt das rothaarige Mädchen den Waisenzug Richtung Westen. Die "Childrens Aid Society" will den verlorenen Seelen angeblich etwas Gutes tun, indem sie sie Pflegefamilien anvertraut. Doch tatsächlich ist das Kindeswohl zweitrangig.

In einer Schüsselszene des Romans werden die Waisen wie auf dem Sklavenmarkt feilgeboten. Interessierte Familien dürfen schon mal die Muskeln der älteren Jungs befühlen und das Gebiss der Kleinen begutachten. Man kann die Kinder auch wie schlechte Ware nach einer Probezeit zurückschicken. Vivian landet bei einem herzlosen Ehepaar, das sie als kostenlose Arbeitskraft gnadenlos ausnutzt. Nach einem Zerwürfnis schickt man sie in eine neue Familie, womit sie vom Regen in die Traufe kommt.

Denn die Grotes sind Outlaws, bitterarm und vollkommen verwahrlost, Vivian leidet bei ihnen Hunger und Not. Doch immerhin darf sie in die Schule gehen. Als ihre Lage schon aussichtslos zu sein scheint, trifft sie in ihrer Lehrerin erstmals in ihrem Leben auf einen verständnisvollen Menschen.

Der Roman schildert eindrücklich die seelischen Verwüstungen, die eine Kindheit ohne Liebe und Geborgenheit anrichtet. Egoismus, Gedankenlosigkeit und Kälte triumphieren über Mitgefühl und Fürsorglichkeit. Aus heutiger Sicht geradezu empörend erscheint die mangelnde Aufsichtsplicht der vermittelnden Hilfsgesellschaft, die anscheinend auch vollkommen untaugliche oder sogar asoziale Pflegeeltern akzeptierte.

Eine weniger plakative Schwarzweiß-Zeichnung hätte dem Roman allerdings mehr Glaubwürdigkeit verliehen. Gegen Ende hin verstärken einige wundersame Auflösungen zudem noch den märchenhaften Aschenputtel-Effekt, so dass das Buch nur haarscharf am Kitsch vorbeischrammt.

- Christina Baker Kline: Der Zug der Waisen, Goldmann Verlag, München, 352 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-442-31383-9.