Münster - Für Papst Franziskus könnte 2015 das Jahr der Entscheidung werden. Gelingt es ihm, die katholische Kirche dauerhaft zu verändern? Das wird sich unter anderem bei der Bischofssynode im Herbst zeigen.

Die Konservativen in der römischen Kurie wehren sich gegen Reformen. Sie wollen die 2000 Jahre alte Tradition der Kirche bewahren. Doch taugt die Tradition als Bollwerk gegen mehr Mitbestimmung, mehr Rechte für Frauen und Wiederverheiratete? Der renommierte katholische Kirchenhistoriker Hubert Wolf zeigt in einem neuen Buch: Die Reformer sind die wahren Traditionalisten.

"In der Tradition und Geschichte der Kirche liegen zahlreiche Möglichkeiten bereit, die - kreativ angewendet - das Gesicht der Kirche entscheidend verändern könnten", schreibt Wolf. Die Geschichte sei eine Schatzkammer revolutionärer Ideen. Wer sie öffne, könne mit Mitteln der kirchlichen Tradition viele Probleme von heute lösen.

Beispiel Bischofswahl: In der frühen Kirche war noch klar, was Papst Leo der Große im 5. Jahrhundert so formulierte: "Wer allen vorstehen soll, muss auch von allen gewählt werden." Erst in der Neuzeit setzte sich der Machtanspruch des Papstes durch, der heute in fast allen Ländern der Welt die Bischöfe nach eigenem Gutdünken ernennen kann.

Beispiel Laien als Seelsorger: Wer sein Leben in die Nachfolge Jesu stellte, benötigte früher keine Priesterweihe, um zu predigen und das Bußsakrament zu spenden. Hubert Wolf verweist auf Beispiele wie den Asketen Martin von Tours und sieht darin eine mögliche Lösung des heutigen Priestermangels: Neben den geweihten Priestern hätten auch andere Seelsorger - auch Frauen - die Vollmacht zur Sündenvergebung.

Beispiel Priesterweihe: In vielen Frauenklöstern hatten die Ordensoberen bischöfliche Vollmachten. Sie errichteten Pfarreien und wachten über die Seelsorge. Die Weihe von Äbtissinnen glich der von Bischöfen. Erst 1970 wurde "der ganze Akt auf eine harmlose Einsegnung der Äbtissin reduziert, um alles zu vermeiden, was irgendwie an die Weihe von Frauen erinnert hätte", schreibt Wolf.

Beispiel Domkapitel: Heute regiert ein Bischof sein Bistum monarchisch. Die anderen Geistlichen in der Diözesanverwaltung können seine Entscheidungen fast nur abnicken. "Wozu dieses absolutistische Konzept führen kann, haben die Vorgänge in Limburg drastisch vor Augen geführt", meint Wolf: "Ausufernde Kosten beim Bau des neuen Bischofshauses, Verschleierungstaktik und Falschaussagen, Spaltungen unter den Gläubigen. Niemand in der Diözese war in der Lage, dem Gebaren des Bischofs (Franz-Peter Tebartz-van Elst) Einhalt zu gebieten." Bei der Gründung des Bistums Limburg 1821 habe es dagegen noch eine Gewaltenteilung gegeben, eine kollegiale Mitverantwortung aller Geistlichen in der Verwaltung.

Ebenso in der Kurie: Die Kirche hat in der Vergangenheit verschiedene Modelle entwickelt, um einen autokratischen Führungsstil des Papstes zu verhindern. Papst Franziskus holt diese Modelle nun aus der historischen Versenkung hervor. Er hat ein beratendes Kollegium aus acht Kardinälen aus aller Welt berufen und arbeitet an einer Kurienreform. Für die Entwicklung eines neuen Familien- und Ehebilds der Kirche holt er die Meinungen aller Gläubigen ein. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Franziskus greift mit seinen Reformen verschüttete Traditionen auf, die wiederbelebt werden können.

- Hubert Wolf: Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. Verlag C.H.Beck, München, 232 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978 3 406 67547.