Berlin Sam Millar ist heute einer der erfolgreichsten Krimiautoren Irlands. Seine Romane um den Privatdetektiv Karl Kane sind international erfolgreich und mittlerweile auch auf Deutsch veröffentlicht.

Der Ermittler in "Die Bestien von Belfast", "Die satten Toten" und "Die kalte Kralle" ist ein zynischer Einzelgänger in der Tradition von Sam Spade und Philip Marlowe.

Karl Kane hat vieles gemein mit seinem Schöpfer. Sam Millar hat eine schillernde Vergangenheit, geprägt von Kriminalität, Gefängnis und Not. In seinem neuen Buch "True Crime" erzählt er seine Lebensgeschichte, und die ist mindestens so spannend wie seine Krimis.

Miller wurde 1955 mitten in den Nordirland-Konflikt hineingeboren. In seiner von Armut geprägten Jugend versuchte er, sich aus dem allgegenwärtigen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten herauszuhalten, aber es ging nicht. Der Tod eines Schulfreundes brachte ihn dazu, sich den Kämpfern der IRA anzuschließen.

Noch keine 20 Jahre alt, muss er für mehrere Jahre ins Gefängnis. Dort beteiligt er sich an einem über Monate gehenden Aufstand. In einer überraschenden Mischung aus distanzierter Beschreibung und ironischen Kommentaren beschreibt Millar eine Hölle auf Erden, die das Überleben zum einzigen Ziel werden lässt.

Kaum wieder in Freiheit, beginnt er ein neues Leben. Mit der Hilfe von IRA-Mitgliedern reist er in die USA ein und findet Arbeit in einem illegalen Spielcasino in New York. Mit viel Selbstironie beschreibt Millar seinen ersten Einsatz als Kartengeber, der einer Touristengruppe das gewonnene Geld wieder abnehmen soll.

Millars Karriere in der New Yorker Unterwelt scheint vorgezeichnet, aber dann muss das Casino schließen. Bald kommt er auf eine Idee, die in die US-Kriminalgeschichte eingegangen ist. Mit zwei Kumpanen überfällt er ein Lagerhaus der Geldtransportfirma Brinks und stielt mehrere Millionen Dollar. Rückblickend staunt er immer noch, wie einfach der Überfall war und wie schnell er aufgeklärt wurde.
Sehr detailliert und mit viel Gespür für Spannung erzählt Millar, wie er den Prozess erlebt, der ihn wieder ins Gefängnis bringen kann. Diesmal sogar für Jahrzehnte.


Millar beschreibt sehr direkt und treffend, was passiert. Mit Erklärungen und Bewertungen hält er sich zurück. Das trägt sehr dazu bei, die Erzählung enorm lebendig und plastisch zu gestalten und seine Autobiografie wie einen Roman erscheinen zu lassen. Einige Verbindungen und auch wichtige Hintergründe lässt Millar aus. Aber er liefert den Lesern immer genügend Andeutungen, um sie zu ergänzen.

"True Crime" endet, bevor Millar zum Schriftsteller wird. Dass er ein Talent dafür haben könnte, deutet sich vorher nicht an. Einzig in einer skurrilen Szene, als er während eines Gefängnisaufstands mit einem neuartigen Gas besprüht wird, rät ihm in seiner Fantasie der Autor Hunter S. Thompson: "Schreib drüber, Junge. Schreib es auf. So wird man am besten damit fertig." Zum Glück hat Millar diese Idee in die Tat umgesetzt und ein bewegendes, zugleich auch spannendes und unterhaltsames Buch aus seinen Erfahrungen gemacht.

- Sam Millar: True Crime. Atrium Verlag, Zürich, 409 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-85535-513-6.