Köln - Im November 1960 besiegte John F. Kennedy bei der Wahl um die Präsidentschaft Richard Nixon mit weniger als einem Prozent Vorsprung. Gerade einmal 100 000 Stimmen entschieden.

Dem Phänomen JFK hat der Taschen-Verlag nun ein großformatiges Buch gewidmet: "Norman Mailer. JFK. Superman kommt in den Supermarkt". Ausgangspunkt ist ein langer Essay des Schriftstellers Norman Mailer über den Wahlkampf, erschienen 1960 im Männermagazin "Esquire" unter dem Titel "Superman kommt in den Supermarkt".

Auf 370 Seiten wird in dem knapp einen halben Meter hohen Bildband mit deutschem Übersetzungsheft dem wohl entscheidenden Moment nachgespürt, in dem Politik und Popkultur in den USA eins wurden. Amerikas Politik würde fortan auch Amerikas Lieblingsfilm sein, Amerikas beliebteste Seifenoper, Amerikas Bestseller, heißt es im Buch.

Der zweifache Pulitzer-Preisträger Norman Mailer (19232007) selbst nahm stets an, dass seine wohlgesonnene Reportage über die Kampagne Kennedys im "Esquire" das entscheidende Zünglein an der Waage war. Mailer schildert den Wahlkampf darin als dramatisches Theaterstück. "Ich hatte etwas Kurioses, aber Unverzichtbares für die Kampagne geleistet - es war mir gelungen, sie zu einem Drama zu stilisieren", schrieb Mailer 1962 über seinen Essay.

In seinen Texten betonte er immer wieder die Attraktivität Kennedys und dessen Frau Jackie. Bei John sei stets eine flüchtige Distanziertheit zu spüren gewesen, urteilt Mailer. Seine Stimme habe mittelmäßig geklungen, zu scharf, fast schneidend, "unpersönlicher als der Mann selbst". Allerdings habe der Politiker exzellente, gewiefte Umgangsformen gehabt und "die Augen eines Bergsteigers". Sein Aussehen habe auffallend mit der Stimmung gewechselt, "und das machte ihn immer interessanter als das, was er sagte".

Mailer hat etliche Romane und Sachbücher verfasst, zudem Reportagen, Theaterstücke und Drehbücher. Über seinen JFK-Essay schrieb er einmal, dieser hätte vielleicht besser "Lücken füllen im Niemandsland" heißen sollen. Die US-Politik sei selten wegen ihrer Männer oder ihrer Ideen interessant, sondern fasziniere gewöhnlich mehr mit ihren Lücken. Er habe sich 1960 einfach mehr Wagemut und neue Realitäten gewünscht. "So schluckte ich also meine Zweifel, meine Bedenken und meinen gewissen Widerwillen gegen Kennedys geistige Trägheit und seine vorgefertigte Politik hinunter und tat mein Bestes, um einen Text zu schreiben, der ihm helfen würde, gewählt zu werden."

Die vielen Bilder des gewichtigen Bandes zeigen Kennedy vor allem bei offiziellen Anlässen wie dem Parteitag der Demokraten, auf dem er zum Kandidaten gekürt wurde, und der folgenden Wahlkampagne. JFK umgeben von Anhängern, bei Pressekonferenzen, in Fabriken, mit den Frauen des Kennedy-Clans, mit Stars seiner Zeit - aber auch im Diner mit Jackie oder beim Einkaufen im Supermarkt. Wie seine Nachfolger inszenierte sich Kennedy gern als "normaler Mensch", erlaubte ausgewählten Fotografen, seinen Alltag zu begleiten.

Die Aufnahmen sind ausführlich beschriftet - zur berühmten Rede Kennedys 1963 in Berlin vor dem Schöneberger Rathaus allerdings ist als Ort das Brandenburger Tor angegeben. Ergänzt wird die großformatige Bilderflut mit einem ins Detail gehenden Lebenslauf: Im Alter von etwa drei Jahren habe John zwei Monate lang mit Scharlach im Krankenhaus gelegen, erfährt der Leser. Im Elite-Internat habe er trotz hoher Intelligenz mittelmäßige Noten gehabt. Auch seine Rücken-OPs, Krankheiten und Affären finden ausführlich Erwähnung.

Für neue Erkenntnisse über den Polit-Popstar JFK ist der Bildband wenig geeignet, als repräsentative Last für den Wohnzimmertisch sehr wohl. Viele der Fotos sind berühmte Dokumente der Zeitgeschichte, andere sehenswerte Raritäten.

Norman Mailer, Nina Wiener, J. Michael Lennon: Norman Mailer. JFK. Supermann kommt in den Supermarkt, Taschen Verlag, Köln, 2014, 370 Seiten, 99,99 Euro, ISBN 978-3-8365-5030-7