Berlin - Besucher des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gehen in einer der einstigen Baracken, die die Nazi-Verbrechen dokumentieren, durch einen Korridor mit Hunderten kleinen Porträtfotos.

Gestreifte Häftlingskleidung, kahlgeschorene Schädel, ernster Blick in Voll-, Seit- und Halbprofil: Aufnahmen der erkennungsdienstlichen Abteilung. Der Mann, der diese Bilder machte, war selbst ein Häftling - Wilhelm Brasse, der Lagerfotograf von Auschwitz. Die italienischen Autoren Luca Crippa und Maurizio Onnis erzählen in ihrem Buch "Der Fotograf von Auschwitz" dessen Geschichte.

Es ist auch eine Geschichte vom Überleben, vom Ringen um Menschenwürde, von Passivität und Widerstand. Wilhelm Brasse kam als politischer Häftling nach Auschwitz - er hatte versucht, nach dem deutschen Überfall auf Polen nach Frankreich zu gelangen, um sich den polnischen Truppen anzuschließen. Brasse, Sohn einer polnischen Mutter und eines österreichischen Vaters, fühlte sich als Pole - und schlug das Angebot eines Treueschwurs auf das Deutsche Reich aus.

Die Überlebensaussichten des damals 23-jährigen waren schlecht. Durchschnittlich überlebten die meisten Häftlinge in den Anfangsmonaten von Auschwitz im Sommer 1940 etwa drei Monate. Doch als gelernter Fotograf war Brasse nützlich, stieg auf zum privilegierten Funktionshäftling - mit besserer Ernährung, besserer Unterkunft. Er überlebte fast fünf Jahre, bis zur Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945.

Crippa und Onnis hatten Gelegenheit, mit Brasse vor dessen Tod im Jahr 2012 zu sprechen. In ihrem Buch vermischen sich Romanelemente und Biografie, Episoden über bekannte Schicksale wie das des Paters Maximilian Kolbe, der für einen anderen Häftling in den Hungerbunker ging, mit den Geschichten der Unbekannten, deren Bilder die Besucher der Gedenkstätte noch heute von den Wänden der Lagerbaracken ansehen.

Die Arbeit im Erkennungsdienst, hinter der Kamera und in der Dunkelkammer, wurde für Brasse zur Flucht vor der Lager-Realität. Wenigstens hier konnten Hunger und Misshandlungen ausgeklammert werden. Wenigstens hier konnte den Häftlingen für die Dauer einer Aufnahme ein Stück Würde zurückgegeben werden.

Doch das Grauen von Auschwitz kam auch in die Dunkelkammer - etwa wenn Brasses Vorgesetzter, ein Hobbyfotograf, mal wieder Bilder von seinen Fotoexkursionen zum Entwickeln brachte: von der Selektion an der Rampe, von Hinrichtungen, von brennenden Leichenstapeln, von Menschen, die an der Tür der Gaskammern begreifen, dass hier ihr Ende ist. Und auch Brasse muss unmenschliche Verbrechen dokumentieren, für die "Forschung" des berüchtigten Lagerarztes Josef Mengele und dessen Kollegen.

Einige dieser Bilder, die mittlerweile großformatig in den Gedenkstätten Auschwitz oder Yad Vaschem hängen, die in Geschichtsbüchern abgedruckt wurden, sind auch in dem Buch dokumentiert. Dass diese Fotos überhaupt noch existieren, ist auch Brasse zu verdanken: Auf Befehl seiner Vorgesetzten sollte er die Bilder vernichten. Es sollte keine Beweise für die deutschen Verbrechen in Auschwitz geben. Doch Brasse und seine Mithäftlinge holten die schwelenden Negative aus dem Ofen, versteckten das Material bis zum Eintreffen der Roten Armee.

- Luca Crippa, Maurizio Onnis: Wilhelm Brasse. Der Fotograf von Auschwitz. Blessing-Verlag, München, 335 Seiten, ca. 20 Euro
ISBN 978-3-89667-531-6.