München - "Ein junger Mann mit Schmerzen sein, ist eine Ganztagsbeschäftigung", merkt Julian und vertieft sich in seinen Liebeskummer. Judith, seine erste große Liebe, trennt sich von ihm . Obwohl er die Trennung herbeigesehnt und provoziert hat, ist er empört und niedergeschlagen.

Vom Ende einer Liebe, dem Beginn einer neuen und vor allem vom Erwachsenwerden erzählt der österreichische Autor Arno Geiger in seinem neuen Roman "Selbstporträt mit Flusspferd".

Julian ist Anfang 20, studiert Veterinärmedizin in Wien und will endlich erwachsen sein. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn man sich unsicher und ungeliebt fühlt. Zum Glück gibt es Freunde wie Tibor, die vor Selbstsicherheit und Aktivität nur so strotzen. Tibor bietet Julian an, ihn in seinem Nebenjob zu vertreten und die Pflege eines Zwergflusspferdes zu übernehmen. Das hat im Gartenteich von Professor Beham eine vorübergehende Bleibe gefunden. Die ungewöhnliche Arbeit hilft ihm, weniger an Judith zu denken. Doch kaum ist sie vergessen, verdreht ihm eine andere Frau den Kopf.

Aiko, die fünf Jahre ältere Tochter des Professors, fasziniert Julian, auch wenn sie ihn zunächst wie einen Laufburschen behandelt. Er schläft mit ihr "in Erwartung, jemandem begegnet zu sein, der profunde Kenntnisse besitzt". Am Morgen danach weicht die Euphorie der Unsicherheit und sein Gedankenkarussell kommt wieder in Fahrt: "Aber hat es ihr gefallen? Wie komme ich bei ihr an? [] Wie gehts jetzt weiter?"

Das Auf und Ab der Gefühle, Julians Selbstgespräche und seine wahnsinnige Unsicherheit stellen die Geduld des Lesers auf die Probe und schnell geht einem der anfangs sympathische junge unerfahrene Erwachsene auf die Nerven. Entspannung bringt da die heimliche Hauptfigur des Romans, die Zwergin, das weibliche Zwergflusspferd, um das sich Julian den ganzen Tag lang kümmert. Sie will nicht gefallen, trottet ruhig und gelassen dahin und ist leicht zu pflegen.

Geiger siedelt seinen Roman im Sommer 2004 an. Immer wieder streut er Nachrichten ein, mit denen der ohnehin mit seinem Leben überforderte Julian nicht klarkommt. Sie hinterlassen ihn ohnmächtig und verstärken sein Gefühl vom Verlorensein in der Welt.

Das Gefühl der Verlorenheit prägt auch einen anderen Lebensabschnitt: das Alter. Ihm und seinem demenzkranken Vater widmete sich Geiger, Jahrgang 1968, in seinem letzten Buch, dem Bestseller "Der alte König in seinem Exil". Im Gespräch mit dem Österreichischen Rundfunk, ORF, sagt Geiger: "Ich interessiere mich für diese Lebensalter, in denen die Unvollkommenheit des Menschen stärker zutage tritt. Ich glaube das Wesen des Menschen ist seine Unvollkommenheit."

"Selbstporträt mit Flusspferd" liest sich leicht und ist doch ein anstrengendes Buch, gerade weil es eine schwierige Lebensphase ins Zentrum rückt. Für erwachsene Leser, die sie hinter sich haben, ist es amüsant, oft jedoch ermüdend, Julian über 280 Seiten beim Erwachsenwerden zuzuschauen.

- Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd. Carl Hanser Verlag, München, 288 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-24761-1.