München - "Am Anfang war der Frost" - und am Ende ein warmes Gefühl. Das Buch der französischen Autorin Delphine Bertholon (Jahrgang 1973) mit dem unterkühlten Titel ist ein Roman, der niemanden kalt lässt. Er erzählt die Geschichte von Grâce und ihrer Familie, von Auflösung und Neuorientierung.

Es ist Weihnachten im Jahr 2010. Nathan, Grâces verwitweter Sohn, kommt wie immer mit seinen sechsjährigen Zwillingen ins Haus seiner Kindheit, um dort mit Mutter und Schwester Lise die Feiertage zu verbringen. Dass die nicht sonderlich anheimelnd und harmonisch verlaufen, liegt nicht nur an der kühlen Grâce und der spröden, unorthodoxen Lise.

Es geschehen auch seltsame Dinge auf dem Anwesen unweit von Lyon. Innerhalb weniger Tage wird sich alles aufklären. Und doch scheinen - gemäß dem Aufbau des Romans - Jahrzehnte zu vergehen. Grâce beginnt im Jahr 1981 ein Tagebuch zu führen, zu einer Zeit, als sie spürt, dass ihr Mann sich von ihr abwendet. Im Wechsel zu ihren Einträgen kommt Nathan zu Wort. In der Gegenwart. Er führt ein fiktives Gespräch mit seiner verstorbenen Frau Cora. Die beiden in Person und Zeit unterschiedlichen Perspektiven führen den Leser durch mehrere Gefühlswelten und schließlich zum Verschmelzen von Erkenntnis, Verzeihen und Hoffnung.

Für die 34-jährige Grâce ist es schwer zu verkraften, dass mit der Jugend auch die äußere Schönheit zu schwinden beginnt - zumal ihr Mann ganz offensichtlich vom Anblick des attraktiven polnischen Au-Pair-Mädchens angetan ist, das sich um Lise und Nathan kümmert. Grâce befürchtet eine Affäre und zeigt dem Mädchen deutlich ihre Abneigung. Ihre Verzweiflung, die auch noch aus einem anderen traumatischen Erlebnis resultiert, vertraut sie dem Tagebuch an. Nathan unterbricht mit seinen Cora-Gesprächen die Tagebuch-Gedanken seiner Mutter und schildert den seltsamen Weihnachtsurlaub bei ihr.

Es wirft ihn fast aus der Bahn, als plötzlich sein Vater wieder auftaucht, der die Familie tatsächlich vor knapp 30 Jahren verlassen hatte - allerdings ohne Au-Pair-Mädchen. Das war eines Tages spurlos verschwunden. Doch stoßen er und seine Zwillinge in den Weihnachtsferien immer wieder auf Spuren von Christina.

Bertholon, die als Drehbuchautorin in Paris arbeitet, hatte vor dem vorliegenden Buch bereits zwei Romane geschrieben und in Frankreich viel Anerkennung geerntet. Mit "Am Anfang war der Frost" gelang ihr auch der internationale Durchbruch. Wen wundert\'s: Die besondere Komposition des Romans, die schöne Sprache, die starke Interpretation seelischer Vorgänge sowie die Verbindung von Alltäglichem, Mysteriösem und Menschlichem ist bemerkenswert.

- Delphine Bertholon: Am Anfang war der Frost. Limes Verlag, München 320 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-8090-2627-3.