Berlin - Holden Caulfield war einfach unvermeidlich. Der 16-jährige Internatsschüler, der gegen die Verlogenheit und Heuchelei der Elterngeneration rebellierte, wurde zum Symbol einer Suche nach neuen Werten.

Erlebnisse und Überlegungen der jugendlichen Hauptfigur beeindruckten so sehr, dass "Der Fänger im Roggen" über Jahrzehnte aus keinem Englisch-Lehrplan wegzudenken war.

Der internationale Erfolg des Romans war enorm. 1951 veröffentlicht, erreichte er schon bald eine Millionenauflage. Aber sein erster Roman brachte Jerome D. Salinger (1919-2010) persönlich kein Glück. Er veröffentlichte noch drei Sammlungen mit Erzählungen, wandte sich aber gleichzeitig immer mehr von der Öffentlichkeit ab. Nach einer letzten Novelle, die 1965 in einer Zeitschrift erschien, verstummte er vollends.

Salinger zog sich in die Provinz zurück und veröffentlichte kein Wort mehr. Bis zu seinem Tod 2010 hielten sich Gerüchte, Salinger würde bald ein neues Buch veröffentlichen und hätte zudem zahlreiche fertige Manuskripte gesammelt. Aber nichts wurde veröffentlicht.

Jetzt ist tatsächlich doch ein "neuer Salinger" erschienen. In "Die jungen Leute" sind drei Kurzgeschichten erstmals in deutscher Übersetzung zusammengestellt, die Salinger ganz am Anfang seiner Schriftstellerkarriere geschrieben hat.

Zwei der Geschichten veröffentlichte Salinger 1940 in kleinen Magazinen, die dritte 1944. Sie zeigen einen Schriftsteller auf der Suche nach einer eigenen Stimme. Die Titelgeschichte, veröffentlicht als Salinger gerade 20 war, belauscht junge Leute, die sich auf einer Party unterhalten, ohne je wirklich miteinander zu reden. Die zweite Geschichte zeigt ein Geschwisterpaar im Streit, und in der dritten, schon komplexeren Geschichte versucht ein junger Mann, seiner Tante zu erklären, dass er in Kürze Soldat werden muss.

Bemerkenswert ist vor allem, dass die Geschichten fast ausschließlich aus Dialogen bestehen. Salinger beweist ein feines Gespür für Nuancen und Stimmungen. Dies zeigt sich besonders in "Geh zu Eddie". Ein junger Mann ermahnt seine Schwester, auf ihren Ruf zu achten, und betont dabei: "Ich habe gesagt, dass ich es gehört habe. Und das ist doch wohl schlimm genug."

Die drei Geschichten in "Die jungen Leute" erlauben einen Blick auf Salingers Schaffen ein knappes Jahrzehnt vor dem "Fänger im Roggen". Große Literatur schrieb er damals noch nicht, aber für alle, die an der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts interessiert sind, ist dieser frühe Salinger absolut reizvoll.

- J.D. Salinger: Die jungen Leute. Drei Stories. Piper Verlag, München, 67 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-492-05698-4.