Berlin - "Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert." Mit dieser These beginnt Julian Barnes sein neuestes Werk, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist: "Lebensstufen".

Im Originaltitel als "Levels of Life" bereits 2014 veröffentlicht, erntete der britische Schriftsteller (69) dafür wieder einmal viel Lob.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne": So hat Hermann Hesse in seinem Gedicht "Stufen" (1941) jenen zentralen Gedanken formuliert, der offenbar auch Barnes angetrieben hat. Er erzählt zunächst von dem französischen Luftschiff-Pionier und Fotografen Félix Tournachon (1820-1910), auch Nadar genannt, der im 19. Jahrhundert als Erster Bilder der Erde aus einem Heißluftballon mit der Kamera schoss - ein kleines Stück Kulturgeschichte.

Nadars Zeitgenossen Colonel Fred Burnaby aus England (1842-1885) und der damals gefeierten Pariser Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844-1923), beide historische Personen und beide ebenfalls von der beileibe nicht gefahrlosen Ballonfahrerei begeistert, dichtet der frankophile Autor eine glühende (fiktive) Affäre an, die in einer großen Enttäuschung endet. Denn, so schickt er diesem Abschnitt voraus: Längst nicht alles, was neu zusammengebracht wird, funktioniert auch, wenigstens nicht auf Dauer.

Dann ein jäher Schnitt. Barnes wechselt die Perspektive, springt ins Ich und in die Gegenwart. Er schreibt im dritten und letzten Teil von "Lebensstufen" über den schmerzhaften Wendepunkt in seinem Leben, der eintrat, als seine Frau Pat Kavanagh 2008 schwer erkrankte und starb. Mit ihr verband ihn über drei Jahrzehnte eine offenbar symbiotische Beziehung. Seine Agonie ist entsprechend grenzenlos. "Und was einem weggenommen wurde, ist größer als die Summe dessen, was vorher da war. Mathematisch mag das nicht möglich sein, aber emotional ist es möglich."

Jetzt wird klar: Alles vorher war dem Autor Reflexionsraum, die eingeworfenen Metaphern aus der Pionierzeit der Aeronauten dienen ihm im neuen Kontext, seine Gefühle der Einsamkeit, Wut und Verzweiflung zu beschreiben, mit denen er vielen Trauernden aus dem Herzen sprechen dürfte.

Julian Barnes, der früher auch unter dem Pseudonym Dan Kavanagh veröffentlichte, passt in keine literarische Schublade. Diesmal pendelt er zwischen Short Story, Essay und Biografie. Bekanntgeworden ist er Mitte der 1980er Jahre mit "Flauberts Papagei". 2011 wurde er für seinen Roman "Vom Ende der Geschichte" mit dem renommierten Man-Booker-Preis ausgezeichnet.

- Julian Barnes: Lebensstufen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 144 Seiten, 16,99 Euro, ISBN: 978-346204727-1