Stockholm - Kurt Wallander, Harry Hole und Carl Mørck bekommen Gesellschaft: Schwedens jüngster Star-Autor Christoffer Carlsson schickt einen neuen Ermittler auf das skandinavische Krimi-Parkett.

Leo Junker ist vielleicht halb so alt wie die Kommissare aus der Feder von Autoren wie Henning Mankell oder Håkan Nesser. Dafür trägt die Hauptfigur in Christoffer Carlssons Thriller "Der Turm der toten Seelen" umso mehr Probleme - und eine düstere Vergangenheit - mit sich herum.

In seinem Deutschland-Debüt dringt der erst 28 Jahre alte Carlsson tief in das Innenleben seines Protagonisten ein und schafft damit eine beklemmende Stimmung, die über 340 Seiten anhält. Den jungen Polizisten Junker quälen Trübsal und Panikanfälle, beides versucht er mit Medikamenten und zu viel Absinth zu bekämpfen. Als in seinem Haus eine Prostituierte ermordet aufgefunden wird, beginnt Junker eigenmächtig zu ermitteln, obwohl er nach einem missglückten Einsatz suspendiert ist. Doch das, was das Opfer in den Händen hält, verbindet den Mord untrennbar mit ihm und seiner eigenen Geschichte.

Parallel macht Christoffer Carlsson den Leser von da an in der Ich-Perspektive mit dem erwachsenen und dem jugendlichen Leo Junker vertraut. Als Teenager trifft der eines Tages an einem Wasserturm auf den Einzelgänger John - genannt Grim. Beide stammen aus einfachen Verhältnissen, wachsen im selben Wohnblock auf und werden enge Freunde. Zarte Bande knüpft Leo aber auch zu Grims Schwester Julia. "Ich habe mich immer zu den Dingen hingezogen gefühlt, die uns menschlich machen: Liebe, Freundschaft, Verrat, Lügen, Sex", sagt Carlsson der Deutschen Presse-Agentur über sein Buch.

Deshalb ist der "Turm der toten Seelen" vordergründig zwar ein Krimi. Doch es ist auch die Geschichte einer Freundschaft und Liebe, die schiefläuft - und an deren Ende als Konsequenz das Verbrechen steht. Wer der Mörder der Prostituierten ist, wird dem Leser ohnehin früh klar (viel früher als dem Ermittler). "Kann sein, dass es am Ende keine überraschende Wendung geht, kann sein, dass man herausfindet, wer der Bösewicht ist - aber das ist egal", sagt Carlsson.

Im Zentrum des Thrillers stehen die Zweifel, Ängste und Probleme der Protagonisten und vor allem ihre Beziehungen zueinander. Die Neugierde, zu erfahren, wie sich das Psychodrama entwickelt, treibt den Leser in immer schnellerem Tempo durch die Seiten. Was war es, das die Freundschaft zwischen John und Leo zerstörte? Wohin hat das die beiden geführt? Welcher Abgrund tut sich als nächstes auf?

Dass Carlssons Krimi kein klassisches Mörder-Rätsel beinhaltet, hat auch mit seinem beruflichen Hintergrund zu tun. Er ist nicht nur Autor, sondern auch promovierter Kriminologe - und will seine Fälle authentisch aufbauen, sagt er: "Die Polizei hat selten mit "Wer war es?"-Fällen zu tun - sondern mehr mit solchen wie in meinem Buch."

Für das Kriminologie-Studium ging Carlsson nach Stockholm. Auch, weil er raus wollte aus seinem winzigen Heimatort in der Nähe von Halmstad, der noch nicht einmal einen Namen hatte. Geschichten verfasste er da schon seit Jahren. "Der Moment, in dem meine Finger die Tastatur berührt haben, war Magie, Elektrizität", sagt er. Die überträgt der junge Autor auf seinen Leser - auch wenn er ihn am Ende etwas ratlos zurücklässt. "So ist es doch mit vielem, was sich als entscheidend erweist: Wir verstehen es nicht", lässt Carlsson Junker zum Schluss treffend resümieren.

Doch das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass dem ersten Junker-Band weitere folgen sollen. In Schweden erscheint demnächst der dritte Roman. Während Mankell ein großes Vorbild seiner Jugend ist, sieht Carlsson sich eher in der Tradition des "Millennium"-Autors Stieg Larsson, der keine unabhängigen Fälle, sondern eine große Geschichte über mehrere Bände erzählt.

Zum Glück bleiben Krimi-Fans zum Verstehen also noch einige Bände Zeit. Der nächste mit dem Titel "Schmutziger Schnee" soll hierzulande im Oktober erscheinen. Für Carlsson ist der Deutschland-Start ein entscheidender Moment. "Die Deutschen lesen sehr viel skandinavische Krimis und wissen mehr darüber, als der durchschnittliche schwedische Leser", sagt Carlsson. "Wenn man in Deutschland auf den Markt kommt, ist das wie ein Test: Werden Sie es mögen? Bist du gut genug?"