Berlin - "Ich bin Familie" ist ein mutiges Statement, "ICH bin die Mitte" ein noch mutigeres, wenn das eigene Leben in Wirklichkeit nach genau entgegengesetzten Prinzipien abzulaufen scheint. André Herzberg setzt beide an den Beginn seines großartigen Familienromans "Alle Nähe fern".

Der 59-jährige, als Rocksänger mit Pankow zu DDR-Zeiten berühmt geworden, hat die eigene Geschichte und die seiner jüdischen Vorfahren über hundert Jahre literarisch aufgearbeitet, um Antworten auf eine große Frage zu suchen. Warum er die entscheidenden ersten Jahrzehnte nie auch nur in die Nähe von dem gekommen ist, was jedes Kind ersehnt: "Für alle Zeiten eine freundliche, liebevolle Familie ohne Probleme. Warum können wir uns nicht umarmen, warum sind wir nicht näher beieinander?"

Dass Väter und Söhne einander über drei Generationen fremd geblieben sind bis zum Verrat, wird zum roten Faden der auf keiner Seite zu langen oder gar langweiligen Spurensuche. Herzberg holt literarisch weit aus, bis vor den Beginn des Ersten Weltkrieges. Den Großvater, der hier Heinrich heißt, lässt er einer Unbekannten namens Rosa als ersten Satz ins Ohr flüstern: "Ich will mit dir schlafen." Rosa ist das nur recht: "Na, denn mach mal." Nach der Nacht in einem Bremer Hotel heiraten sie. Das dürfte erfunden sein, locker und ein bisschen rotzig-frech, so wie die Musik von Pankow.

Herzberg hat einen schönen, klaren und direkten Ton dafür gefunden, die alles andere als lockere Geschichte seiner Familie bis zu seiner eigenen im Jetzt zu erzählen. Zur äußeren Zerrissenheit, mit Fluchtstationen in London, Prag, Kapstadt, Havanna kommt die innere der Generationen vor ihm. Der starre Patriarch Heinrich wirft 1933 den "missratenen" Sohn Konrad mit alttestamentarischer Strenge aus dem Haus, ehe der lakonisch und herzzerreißend zugleich erzählte Abstieg durch die Judenverfolgung der Nazis beginnt. Der Sohn geht zeitig nach Südafrika, die Eltern schaffen es in letzter Minute nach Kuba.

Konrads Bruder Paul, der Vater des Ich-Erzählers, kehrt 1945 als frisch bekehrter Jungkommunist aus London nach Ost-Berlin zurück. Zwischen beiden wird sich im Zwangskorsett des post-stalinschen DDR-Sozialismus dieselbe Fremdheit entwickeln wie zwischen Heinrich und Konrad in der Generation davor. Trocken im Ton und gerade dadurch auch wieder bewegend schildert der Ich-Erzähler seine kläglich scheiterenden Rebellions-Versuche als Soldat der DDR-Volksarmee. Den Vater lassen sie als parteitreuen Funktionär eine Eingabe formulieren, sein Sohn habe eine "politisch sehr negative Einstellung", man möge "bitte hart mit ihm verfahren".

Herzberg erzählt von seinem Weg zu Rocksänger-Ruhm in der DDR mit korrumpierenden Reiseprivilegien mit derselben schnörkellosen, so gut wie nie moralisierenden Klarheit wie vom schweren Weg seiner Großeltern und Eltern. Pankow, die Band, wird für ihn zur ersten positiven Gemeinschafterfahrung: "Das sind meine neuen Eltern, das ist meine Familie." Diese Ersatzfamilie bleibt, mit Unterbrechungen, auch zusammen, als heraus ist, dass der Gitarrist Jürgen Ehle, im Buch Peter genannt, der Stasi als IM Auskunft über die Band gab.

Ehe die im Prolog trotzig erhobene Behauptung "Ich bin Familie" in stark amputierter Form auch für die biologische wenigstens ein bisschen wahr wird, muss die Hauptperson mutterseelenallein durch ihr eigenes tiefes Tal. Nach der Wende stürzt Jakob alias André Herzberg ab - ganz praktisch, finanziell, psychisch, überhaupt. Hier wird er sich der jüdischen Identität, bei den "konsequent antizionistischen" Eltern immer verdrängt, positiv zuwenden - mit Tora-Studium, zwei Abraham&Isaak-Kapiteln im Buch und Beschneidung als Erwachsener. Auch hier null Pathos, wenngleich die religiöse Wende der Hauptfigur mitunter etwas stolprig erzählt wird.

Die Bemerkung, er habe nun "17 Jahre Analyse hinter sich" und sei als "geheilt" entlassen, fällt in Herzbergs Buch etwa so plötzlich wie die Brücke zwischen Vers und Refrain in einem von den ewig guten Liedern der Rolling Stones, "Jumping Jack Flash" zum Beispiel. Für Pankow waren die Stones ein Leuchtturm, und für André Herzberg war "Jumping Jack Flash", so ist zu lesen, Trost und Überlebenshilfe in finsteren Tagen bei der Nationalen Volksarmee.

Er hat sich mit den missglückten Vater-Sohn-Beziehungen in hundert Jahren deutsch-jüdischer Geschichte einen großen Stoff vorgenommen und ihm literarisch einen eigenen, stimmigen Sound gegeben. Ein traurig-schönes, gottlob zwischendurch auch mal rotzig-freches und am Ende vorsichtig versöhnliches Lied ist daraus geworden.

- André Herzberg: Alle Nähe fern, Ullstein Verlag, Berlin, 272 Seiten, 21,00 Euro, ISBN 978-3-550-08056-2.