Frankfurt/Main (dpa) - Eine epische Liebesgeschichte als literarische Miniatur: das ist "Bonsai", ein Roman aus Chile, der zu kurz ist, um ein Roman zu sein. 90 Seiten hat das Büchlein, in kleinem Format und mit großen Lettern. Man liest es in - sagen wir - zwölf Minuten: macht einen Euro pro Minute.

Aber der Autor kann nichts dafür und der Text noch weniger. Und dieser ist, das muss man sagen, jede Investition wert. Das Buch heißt nicht nur Bonsai, es ist ein Bonsai: ein winziger, ein kunstvoller, ein beeindruckender Text, der viel größer ist als sein Umfang.

Genau genommen erzählt der 1975 geborene Autor die Geschichte sogar in noch komprimierterer Form als auf 90 Seiten: im ersten Absatz. "Am Ende sirbt Emilia. Julio stirbt nicht. Der Rest ist Literatur." Die beiden sind als Studenten ein Paar, dann trennen sie sich. Sie zieht fort und begeht am Ende Selbstmord. Er lebt weiter, ohne fortzufahren, wie Zambra es formuliert.

Weshalb sie sich trennen, warum sie sich das Leben nimmt - all das erfährt der Leser nicht oder nur in Andeutungen. Weshalb sie glücklich waren, das beschreibt die erste Hälfte des Buchs. Das Unglück in der zweiten Hälfte wird ausgespart. Aber genau das ist Zambras eigentliches Thema: das Unglück der Abwesenheit eines einmal erlebten Glücks.

Wunderbare Sätze und Gedanken finden sich in dieser Miniatur einer großen Liebe. "Als Julio sich in Emilia verliebte, wurde jede Freude, jedes Leid vor der Freude und dem Leid, das Emilia ihm bescherte, zu einem bloßen Abklatsch der wahren Freude, des wahren Leids."

Was Julio für den Rest seines Lebens tut, ist kurios und doch folgerichtig: Er weigert sich, ohne Emilia als Mensch weiter zu wachsen. Er schreibt einen Roman über einen Bonsai, er zeichnet einen Bonsai, er züchtet einen Bonsai. Er wird eine Figur in einem Roman namens "Bonsai".

Nicht ganz ins Konzept passt, dass Nebenfiguren doch recht breiten Raum einnehmen: ein eitler alter Schriftsteller, eine Jugendfreundin und deren Mann. Beeindruckend ist das trotzdem: Um ihre Ehehölle zu beschreiben, braucht Zambra ganze sieben Zeilen.

Manchmal spielt der Autor mit der Literatur wie ein Kind mit Lego: Er meldet sich zu Wort und betont, dass x oder y unwichtig, dass sie Nebenfiguren sind. Er weigert sich sogar, sich einen Dialog auszudenken: "Julio spricht, aber man hört ihn nicht. Jemand müsste ihn lauter stellen." Das könnte man auch diesem Roman empfehlen.

- Alejandro Zambra: Bonsai, Suhrkamp Berlin, 90 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-518-42480-3.