Berlin - Am 10. Oktober 1944 kommt ein deutscher Soldat bei einem Abendspaziergang in dem kleinen Dorf Rhoon bei Rotterdam gewaltsam ums Leben. Unfall oder Sabotage?

Die Besatzer sind sich sicher: Es war ein hinterhältiger Anschlag der Dorfbewohner. Sie machen kurzen Prozess und richten sieben willkürlich zusammengesuchte Männer hin. Mehrere Häuser werden in Brand gesetzt. Als Hauptverantwortlicher dieser barbarischen Vergeltungsmaßnahme wird nach dem Krieg Oberleutnant Karl Schmitz zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Doch damit ist die Geschichte noch keineswegs zu Ende. Denn es bleibt weiter im Dunkeln, was damals wirklich geschah und nach dem Krieg will das in dem traumatisierten Dorf auch niemand mehr so genau wissen. Denn wenn man genauer nachforschen würde, käme so manche unbequeme Wahrheit ans Licht. Etwa dass einige im Dorf mit den Deutschen kollaboriert haben, dass junge Frauen häufig Liebschaften mit den Besatzern eingingen und Mitglieder des Widerstandes das Leben Unschuldiger aufs Spiel setzten. Jahrzehnte später versucht der bekannte niederländische Autor Jan Brokken (65), das Rätsel von Rhoon zu lösen.

In seinem Buch "Die Vergeltung - Rhoon 1944. Ein Dorf unter deutscher Besatzung" geht er mit kriminalistischer Akribie dem damaligen Geschehen nach. Das Buch, eine Mischung aus Sachbuch und Thriller, scheint in den Niederlande einen Nerv getroffen zu haben, denn es wurde sofort ein Bestseller. Nicht zuletzt wahrscheinlich deshalb, weil es Brokken gelingt, anhand eines Dorfes wie in einem Brennglas eines der dunkelsten Kapitel niederländischer Geschichte wieder lebendig werden zu lassen.

Brokken, Sohn eines Pfarrers, kommt selbst aus Rhoon, das macht sein Buch besonders authentisch. Nicht nur, dass er einige der Akteure noch selbst kennengelernt hat, er ist auch mit der Geschichte des Ortes und der Mentalität der Bewohner bestens vertraut. Anschaulich schildert er die Armut der kinderreichen Bauernfamilien, die strenge Herrschaft der verschiedenen Kirchen über diese einfachen Menschen, das eintönige, archaische Leben hinten den Deichen, bis plötzlich die deutschen Besatzer in diese festgefügte Welt einbrechen. Für die einen bringen die "Moffen" Willkür und Gewalt, für die anderen aber auch Abwechslung und Abenteuer.

Einige der jungen Frauen im Dorf werden zu Geliebten der deutschen Soldaten. Ihr offen zur Schau gestelltes Glück mit dem Feind ist für die Männer im Dorf eine ständige Provokation. Als eines Abends zwei junge Mädchen mit ihren deutschen Freunden am Deich entlang spazieren, berührt der Soldat Ernst Lange im Dunkeln ein herunterhängendes Stromkabel. Er bekommt einen tödlichen Schlag. War dieses Kabel vom vorangegangenen Sturm heruntergerissen worden, wie viele Dorfbewohner versichern? Oder war das nur eine Schutzbehauptung? War es nicht doch vielmehr ein Sabotageakt des Widerstandes oder eine simple Racheaktion eifersüchtiger und wütender Männer im Dorf?

Bei seiner Spurensuche entdeckt Brokken überraschende Details und Geheimnisse. Durch immer neue Verdachtsmomente, Wendungen und Hinweise wird der Leser atemlos in Spannung gehalten. "Die Vergeltung" ist jedoch mehr als ein kriminalistischer Bericht, dem Autor gelingen eindrucksvolle Menschenporträts. Er enthüllt die Leidenschaften hinter den verschwiegenen Bauerngesichtern. So ist das Buch vor allem eine Geschichte über menschliche Abgründe, Lügen und Verstrickungen in Zeiten des Krieges.

- Jan Brokken: Die Vergeltung - Rhoon 1944. Ein Dorf unter deutscher Besatzung, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 400 Seiten, 19,99 Euro,
ISBN 978-3-462-04725-7.