Köln - Das Wende Museum in Los Angeles ist eines der umfangreichsten DDR-Archive weltweit - nun kann ein winziger Bruchteil der gewaltigen Sammlung in Buchform betrachtet werden.

Mehr als 2500 Objekte werden in "Jenseits der Mauer. Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR" gezeigt, das Themenspektrum ist enorm: Es reicht von schreibmaschinengetippter Speisekarte, Netzbeutel zum Einkaufen und Hartgummi-Indianer bis zu Propaganda-Kunst und Stasi-Ausrüstung.

Justinian Jampols gewichtiger Band ist weder schwärmerisch ostalgisch noch abrechnend kritisch. In den Textpassagen werden Hintergründe und Entwicklungen sachlich beschrieben, es ist deutlich zu spüren, dass sich Jampol intensiv mit dem Staat DDR, vor allem aber seinen Menschen beschäftigt hat. Allerdings spart der amerikanische Historiker auch nicht daran, die Vorzüge der eigenen, in langen Jahren zusammengetragenen Sammlung immer wieder hervorzuheben.

Auf Jampol geht das Wende Museum mit weit über 100 000 Relikten untergegangener Ostblockstaaten zurück. Nach dem Fall der Mauer, als viele DDR-Bürger Dinge ihres bisherigen Lebens entsorgten, hatte er so viel wie möglich davon zu retten versucht - und tut dies bis heute. Wimpel, Geschirr, Marx- und Lenin-Büsten, Plakate, Möbel, Robotron-Computer, Kinder-Schallplattenspieler, FDJ-Hemden und etliche Dinge mehr wurden in die USA verfrachtet. In diesem Jahr soll die Sammlung ein neues, größeres Zuhause bekommen: ein altes Zeughaus in Culver City im Los Angeles County.

"Unzählige Begebenheiten der Menschheitsgeschichte gehen mit der Zeit verloren", heißt es im Buch. Die heute Lebenden stünden noch unter dem Einfluss der Geschichte des Kalten Krieges, die spätere Interpretation dieser Zeit aber werde "ungewöhnliche Ideen hervorbringen und Veränderungen anstoßen". Und: "Die Überreste einer vergangenen Welt werden eine Quelle für neue Erkenntnis, die uns alle zu einem höheren Bewusstseinsniveau führt."

Die Grundlagen der Ostalgie, der Sehnsucht nach der ostdeutschen Kultur, nicht nach dem Staat - werden ebenso beschrieben wie Tücken der Planwirtschaft mit Einheitsverkaufspreisen und periodischen Engpässen bei Kartoffeln, Fleisch, Milch und Butter. Eine regelrechte Wirtschaftskrise habe ein Mangel an Kaffee ausgelöst, als 1977 Frost die brasilianische Ernte zerstört habe.

Die Alkoholindustrie hingegen sei von den vielen Engpässen bei Konsumprodukten offenbar immer verschont geblieben. "Aus privatem Kummer und - weitaus häufiger - aus einem durch das kollektive Ideal geförderte Gemeinschaftsgefühl heraus trank "der neue sozialistische Mensch" viel und gern, ob nun zu Hause, bei öffentlichen Veranstaltungen oder bei der Arbeit, so dass man fast von weit verbreitetem Alkoholismus in der DDR sprechen könnte."

Das Leben in der DDR habe sich um die Kernfamilie gedreht, mit der Frau im Zentrum, die Ehe, Kinder, Haushalt und Beruf vereinbarte. Private Fotoalben zeigten die autonomen Bereiche persönlicher Entfaltung, die sich die Menschen im Urlaub und mit Freunden und Familie schufen. "Noch wichtiger ist dabei, was diese Fotoalben über in der DDR-Gesellschaft tief verankerte Werte wie Familie, Freizeit und Privatsphäre erzählen."

Zu lesen ist auch, wie zwiespältig die Präsentation der DDR als friedliebendes Land war, warum Plastikartikel keine billige Wegwerfware waren und extrem beworben wurden, welche Dinge aus dem abgerissenen Palast der Republik in Berlin erhalten blieben und was für ein anderes Gesicht der Staat in den Wochen der Leipziger Messe bot.

In "Jenseits der Mauer" lässt sich allein der schieren Menge abgebildeter Gegenstände wegen so mancher vergessen geglaubte Schatz entdecken. Es macht Spaß, darin zu stöbern - und das dank 904 in Rubriken geordneter Seiten auch ganz schön lange.

- Justinian Jampol: Jenseits der Mauer. Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR, Taschen Verlag, Köln, 2014, Englisch, Französisch und Deutsch, 904 Seiten, 99,99 Euro, ISBN 978-3-8365-4885-4.