Berlin - Die Sache mit den Algen ist Friedrich Liechtenstein wirklich wichtig. Schon als Kind soll er in sein Tagebuch geschrieben haben, er wolle die glibberigen Wasserpflanzen untersuchen.

Algenforscher? Ein Traumberuf! "Ist es eigentlich noch immer, wenn ich ganz ehrlich bin", sagt Liechtenstein heute. "Aber ich weiß nicht so richtig, wie ich das Ding angehen soll."

Der selbst ernannte Flaneur und Entertainer sitzt in einem Berliner Café, die verspiegelte Sonnenbrille behält er auch drinnen auf. Ein Jahr ist es her, dass der YouTube-Clip "Supergeil" millionenfach geklickt wurde. Der Künstler schaffte es mit dem Werbevideo für einen Supermarkt sogar bis in die "New York Times". Jetzt erscheint seine Biografie - und das Cover passt kaum zum Inhalt.

Liechtenstein posiert darauf in James Bond-Manier, mit Bart und goldenen Nägeln. Ein bisschen Bling Bling, ein simpler Titel. Die ersten Seiten dagegen klingen drastisch, beschrieben wird seine Geburt: "Ich lag gekrümmt, aber nicht mehr behaglich in meiner Lache, umgeben vom warmen Innenleben meiner Mutter. (...) Ärzte griffen zum Notfallbesteck und öffneten ihr den Bauch mit einem Skalpell."

Das war in den 50ern in der DDR. Hans-Holger Friedrich hieß er damals, viele Jahre später wird er sich umbenennen. Der Leser erfährt, dass er als Koch gearbeitet und Puppenspiel gelernt hat. Er verlässt seine Familie für die Kunst und kommt jahrelang kaum über die Runden mit dem, was er verdient. Irgendwann heuert er als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff an. Zur Kunstfigur Friedrich Liechtenstein wird er erst 2003.

Was ihn begleitet, ist die Faszination für Algen. Seiner Meinung nach geben Algen Antworten auf viele Probleme, die unsere Gesellschaft beschäftigen: Trinkwasser, Energie, Wellness, Hunger, Design. "Überall ist die Alge ganz vorn und kann immer irgendeinen Beitrag leisten", sagt Liechtenstein. Er sieht auch Parallelen zwischen Algen und seinem Leben.

Das "Supergeil"-Video sei so etwas wie eine "Algen-Blüten-Explosion" gewesen. "Algen können sich explosionsartig vermehren", sagt er. Zudem liebten sie das Extreme, lebten etwa an Orten, wo man kein Leben mehr vermute. "Und so war das auch in meiner Vergangenheit." Lange hieß der Ort bei ihm Waitzdorf in der Sächsischen Schweiz. Es gab ein Telefon in dem DDR-Dorf, so steht es im Buch.

Im Gespräch erzählt er die Algen-Story zu einem guten Teil glaubwürdig, aber das Ganze klingt natürlich trotzdem etwas schräg. Die Erzählung funktioniert ein bisschen wie seine Kunst: Etwas verschroben, zumindest eigenwillig. Seine Videos gleichen verfilmten Gedichten, gedreht in alten Hotels, in einer Welt aus Vergangenheit und Romantik. Dass man bei manchen Texten seines Albums "Bad Gastein" ratlos bleibt, gehört dazu ("Wir tragen unsere Blumenkostüme. Wir liegen Rücken an Rücken und jeder hält sein gelbes Yo-Yo fest").

Der Clip "Supergeil" war simpler. Aber das Video sei nicht sein Werk gewesen, sagt Liechtenstein. Den Song habe es bereits gegeben, hinzu kam eine Werbeagentur. Auch die Biografie, die mit dem Titel "Super. Mein Leben" an den Erfolg anknüpfen will, stamme nicht aus seiner Feder. Aufgeschrieben habe sie ein Journalist nach seinen Erzählungen. Er sei Entertainer, kein Schriftsteller, sagt Liechtenstein. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Biografie später angefangen: Erst 2003, als er sich in sein eigenes Kunstprojekt verwandelte, mit Bart, Anzug, Sonnenbrille.

Wie es für den "härtesten Entertainer der Welt" jetzt weitergeht? Er arbeite gerade an einem Projekt über romantische Tankstellen mit Arte. Vielleicht sei auch eine Mischung aus Algenforscher und Entertainer das Richtige für ihn als "Algen-Mann", erzählt er. Kontakt zu einem Forschungsinstitut habe er zumindest schon.

Friedrich Liechtenstein (2015): "Super. Mein Leben", Piper Verlag, 288 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 9783492056663.