München/Genf - "Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe." Diese Verszeile Bertolt Brechts zitiert der Schweizer Kapitalismuskritiker Jean Ziegler weit vorn in seiner neuesten Attacke gegen den alten Feind.

Gut 20 Bücher hat er geschrieben. Fast jedes ist eine Kampfansage gegen das, was der ebenso streitbare wie umstrittene Schweizer "Raubtierkapitalismus" nennt oder auch die "kannibalische Weltordnung".

Gegen die wollte Ziegler als junger Ungestümer gar mit der Waffe in der Hand kämpfen. Doch Che Guevara redete ihm das aus. Dem kubanischen Revolutionär diente Ziegler bei einer UN-Konferenz in Genf als Chauffeur. Sein Platz, beschied ihn Che, sei Genf, diese wichtige Drehscheibe des Rohstoffhandels und der Finanzwirtschaft. Von dort aus solle er "das Gehirn des Monsters" bekämpfen.

"Ich war zutiefst beleidigt", berichtete Ziegler Jahre später im "Zeit"-Interview. "Aber er hatte mich als das erkannt, was ich war: ein 25-jähriger Kleinbürger, der mit nichts schlechter umgehen konnte als mit einer Waffe."

Mittlerweile sieht Ziegler seinem 81. Geburtstag entgegen (am 19. April), ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Genf und noch voll im Einsatz als Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates. Seinen Kampf für die Ausgebeuteten führt er mit scharfsinnigen Analysen zu den Ursachen der Ungleichheit, mit teils dramatischen Anklagen, mit Argumenten und Vorschlägen, wie sich die Welt verbessern ließe.

Zieglers Bücher - darunter "Das Imperium der Schande", "Der Hass auf den Westen" oder "Wir lassen sie verhungern" - waren oft Bestseller. Doch geändert hat sich wenig. Das zeigt die Bestandsaufnahme in seinem neuem Werk: "Nach den Weltentwicklungsindikatoren 2013 der Weltbank verfügen 16 Prozent der Weltbevölkerung über 83 Prozent der Vermögenswerte auf dem Planeten." Und: "Heute stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder einer durch Unterernährung verursachten Krankheit."

Zudem sei die Not als Folge der Finanzkrise auch nach Westeuropa zurückgekehrt, längst nicht allein nach Griechenland. In der Europäischen Union liege die "Sockelarbeitslosigkeit" bei insgesamt mehr als 30 Millionen Menschen. Besonders schlimm ist sie bekanntlich bei jungen Leuten unter 25 Jahren.

Was tun? "Ändere die Welt!", so der Titel des Buches, den Ziegler ebenfalls einem Gedicht von Brecht entliehen hat. Aber wie soll man das anstellen? So wie das Blockupy-Bündnis bei der Eröffnung des neuen Sitzes der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main und demnächst wohl beim G7-Gipfel im Schloss Elmau bei München?

Ziegler, der "Ändere die Welt!" auch als seine "intellektuelle Autobiografie" verstanden wissen will, hat nach dem Scheitern so vieler Revolutionen einen neuen Hoffnungsträger ausgemacht: "Ein neues Subjet der Geschichte ist im Entstehen begriffen: die neue, weltumspannende Zivilgesellschaft."

Als ein Beispiel nennt er den Aufschrei des Gewissens nach dem Einsturz einer Ausbeuter-Textilfabrik in Bangladesch, bei dem 2013 mehr als 1130 Menschen starben. Angeführt von starken westlichen Nichtregierungsorganisationen habe die "Coalition No Blood on my Clothes" ("Koalition Kein Blut an meiner Kleidung") durch Druck auf internationale Textilkonzerne neben Entschädigungen auch Abkommen über bessere Arbeitsbedingungen durchgesetzt.

Ganz ähnlich, so Ziegler, setzte sich die globale Bewegung Via Campesina für Landlose, kleine und mittlere Bauern, Viehzüchter und Fischer ein - mit konkreten Ergebnissen. Alle diese Bewegungen gehörten zur globalen Zivilgesellschaft, die wachse und einflussreicher werde. Sie ist heute die Hoffnung des großen alten Linken von Genf. Schließlich habe schon Che Guevara den "prophetischen Satz" geschrieben: "Auch die stärksten Mauern fallen durch ihre Risse."

- Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München, 288 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-570-10256-5.