Stuttgart - Nicht erst, seit die vollbärtige Drag Queen Conchita Wurst 2014 den Eurovision Song Contest gewann, sind Bartwahl und -gestaltung wieder Thema. In internationalen Metropolen trägt "Mann" sein Gesichtshaar schon seit einiger Zeit wieder lang, die Zahl Vollbärtiger als Werbefiguren nimmt zu.

Dem Phänomen "Bart" haben Jörg Scheller und Alexander Schwinghammer als Herausgeber die Essay-Sammlung "Anything Grows" gewidmet. Allerlei Amüsantes ist darin zu lesen, viel Historisches und auch so mancher biologische Fakt.

An Beispielen wird erläutert, inwiefern der Bart immer wieder Gegenstand politischer, sozialer, religiöser, aber auch alltagskultureller Diskussionen und Kontroversen war. Unter Zar Peter I. habe es Ende des 18. Jahrhunderts gar eine Bartsteuer gegeben. Mit der Erfindung moderner Sicherheitsrasierer sei Haar - auch an anderen Stellen - zum Symbol unsauberer Sitten der alten Welt geworden, heißt es im Essay des Bartexperten und Mediziners Allan Peterkin. Bärte hätten Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend als Brutstätten widerwärtiger Bakterien gegolten.

Typisch für die momentane Bartkultur sei, dass der Träger oft gar nicht wisse, welche Geschichte seinem Bartstil innewohne, führt Peterkin weiter aus. Gegenwärtig gebe es 15 Schnurrbartvarianten, 5 Kotelettenlängen und über 40 Bartstile - rein mathematisch seien somit unzählige Kombinationen und Varianten möglich.

Der Kunsthistoriker Joseph Imorde erinnert in seinem Essay daran, dass ein fülliger Bart lange als Symbol viriler Männlichkeit, ein glattes Männergesicht hingegen als Zeichen von Weichlichkeit, Impotenz und Schwäche gegolten habe. Bei der Entfernung von Kopfhaar drohe Entkräftung und der Verlust männlicher Kühnheit, so die Annahme einst. Entsprechend viel Geld sei mit vermeintlichen Bartwuchsmitteln verdient worden.

In weiteren Texten geht es um Bartclubs, einen Selbstversuch mit Hitler-Bart, typischerweise bärtige Comic-Superschurken und die Geschichte des Vollbarts in der Popmusik. "Die Beatles waren nicht nur die wichtigste Popband aller Zeiten", scheibt der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller. "Sie waren auch eine der wichtigsten Bart-Bands aller Zeiten."

Auch auf die biologische Bedeutung des Bartes wird eingegangen. Ab der Pubertät sprießen bis zu 15 000 Haare mit einer Geschwindigkeit von etwa zehn Zentimetern pro Jahr aus der Gesichtshaut, heißt es in "Anything Grows". Männer überschätzten die positive Wirkung von Bärten auf die Damenwelt oft - dem Gesichtshaar drohe allerdings wegen immer mehr hormonell wirkender Stoffe in der Umwelt ohnehin möglicherweise das Aus.

"Anything Grows" versammelt verschiedene Zugänge und Sichtweisen auf das Phänomen "Bart". Deutlich wird, dass die Bart-Vorbilder von einst - Politiker und Herrscher - inzwischen abgelöst sind, zumeist von Stars und Sternchen. Spannend ist die Vergangenheit des Bartes, ungewiss seine Zukunft. Die Essay-Sammlung spannt diesen Bogen auf amüsant-informative Weise.

- Jörg Scheller (Hrsg.), Alexander Schwinghammer (Hrsg.): Anything Grows, 15 Essays zur Geschichte, Ästhetik und Bedeutung des Bartes, Franz Steiner Verlag, 2014, 29,90 Euro, 315 Seiten, ISBN 978-3-515-09708-6