Frankfurt (Main) - Er wird misshandelt, gehänselt, verlacht. Eddy, der kleine Junge aus einem Dorf in der nordfranzösischen Picardie, erlebt eine grausame Kindheit. In der Provinz ist er der Außenseiter, einer, der eine hohe Stimme hat, der sich beim Laufen in den Hüften wiegt, kurz: eine Schwuchtel.

Sein Leben ist das eines jungen Autors. "Das Ende von Eddy" heißt das unglaublich mitreißende Buch des 22-jährigen Édouard Louis. Er hat sein Leben unter ähnlichen Umständen begonnen, denen er schließlich entkommen konnte. Sein Romandebüt ist ein Befreiungsschlag und gleichzeitig ein Plädoyer für Toleranz. 2014 wurde es in Frankreich mit dem Pierre-Guénin-Preis ausgezeichnet.

Es ist kaum vorstellbar, was das Kind Eddy erleiden muss. Die Erniedrigungen beginnen im Elternhaus und setzen sich außerhalb fort. Anfangs nahezu täglich wird er von zwei Mitschülern verprügelt und gedemütigt. Sogar ihren Rotz muss er auflecken. Hilfe kann und will er nicht erwarten, denn damit würde er seine Verletzungen nach außen tragen - in eine Welt, die ihn niemals verstehen wird. Die Intoleranz in seinem Heimatort, der offene Rassismus, der sich gegen Araber, Schwarze und andere "Kaffer" und vor allem auch gegen Homosexuelle richtet, ist hier Lebensphilosophie.

Eddy muss zur Kenntnis nehmen, dass er anders ist und leidet zunehmend darunter. Dass er das Opfer von sexuellen Exzessen wird und nicht - wie er zunächst annimmt - "Mitspieler" dabei ist, belegen ebenso deutlich, dass er homosexuell ist wie seine kläglichen Versuche, mit Mädchen anzubandeln. Doch was vielleicht noch schwerer als die Verunsicherung durch seine Orientierung wiegt, ist das totale Unverständnis der Gesellschaft, einschließlich seiner Familie. Er lebt in einer Welt, wo mangelnde Bildung, harte Arbeit, karges Leben, oft verbunden mit Hunger und Not, die Menschen zu Alkohol, Sexismus und Brutalität treiben.

Dass der Junge nicht von dem allgegenwärtigen Schmutz erdrückt wird, der sich buchstäblich und sinnbildlich auf sein frühes Leben legt, liegt allein an seinem unbändigen Willen, den Dreck abzuschütteln. Louis findet für Eddy ein Ende, das viel Raum für Hoffnung lässt. Hoffnung, dass Homophobie aus dem letzten Provinzwinkel (nicht nur Frankreichs) irgendwann vertrieben wird, dass das Hinterwäldlertum mit den traditionell verteilten Geschlechterrollen endlich Aufklärung und Toleranz weicht.

Die harte Sprache Édouard Louis - teils im Slang und wunderbar aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel übertragen - wirkt wie ein Kontrapunkt zum herzzerreißenden Inhalt. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch rigorose Schnitte im Aufbau des Romans, die den Existenzkampf eines Individuums in einer erbarmungslosen Gesellschaft deutlicher widerspiegeln als es ein rein chronologischer Aufbau vermocht hätte. Ein starkes Stück Literatur.

- Édouardo Louis: Das Ende von Eddy, Fischer Verlag Frankfurt am Main, 208 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-1000- 2277-6.