München - "J.D. Salinger verbrachte zehn Jahre damit, den "Fänger im Roggen" zu schreiben - und bereute es danach für den Rest seines Lebens."

Schon der erste Satz der Salinger-Biografie richtet den Blick auf den Kern des mehr als 800 Seiten starken Werks: die Entstehungsgeschichte jenes Buches, das den damals noch kaum bekannten Autor schlagartig ins Rampenlicht der Öffentlichkeit katapultierte, und den anschließenden lebenslangen Rückzug Salingers. Es gibt wohl kaum einen anderen vergleichbar berühmten Autor mit einem - gemessen am Umfang - so dürftigen Werk: Abgesehen vom "Fänger im Roggen", seinem einzigen Roman, hat Salinger nur einige Kurzgeschichten und Erzählungen veröffentlicht. Nachdem seine letzte Veröffentlichung "Hapworth 16, 1924" 1965 von der Kritik verrissen wurde, verstummte der Schriftsteller, auch wenn er bis zu seinem Tod 2010 fleißig weiterschrieb.

Um Salingers Persönlichkeit zu ergründen, interviewten David Shields und Shane Salerno über mehrere Jahre rund 200 Menschen - von denen sich viele zum ersten Mal äußerten: Frauen, Kinder, Kriegsveteranen, Freunde, Journalisten oder Schriftsteller-Kollegen wie John Updike und Tom Wolfe. Wie in einem Dokumentarfilm beruht das Buch weitgehend auf ihren aneinandergereihten Zitaten. Das ergibt zwar viele inhaltliche Wiederholungen, lässt die Aussagen aber ungemein authentisch und lebendig erscheinen. Auch Salinger selbst kommt zu Wort, in Form von Auszügen aus seinen Veröffentlichungen und Briefen.

Der Anfang des Buches schildert - erzählt von Dutzenden Zeitzueugen - detailliert die traumatischen Erlebnisse des Autors im Zweiten Weltkrieg. Am D-Day, dem 6. Juni 1944, landet sein Regiment am Utah Beach in der Normandie: Der erste Einsatz als Soldat wird zu einer Feuertaufe - und ist der Auftakt zu noch Schlimmerem. Salinger überlebt den D-Day, ebenso wie danach die deutsche Ardennen-Offensive und die berüchtigte Schlacht im Hürtgenwald bei Aachen, eines der blutigsten Kapitel im gesamten Krieg. Der vielleicht entsetzlichste Anblick steht Salinger erst bevor: die Befreiung des Konzentrationslagers Kaufering IV, in dem die Soldaten auf Berge von Leichen stoßen.

Im Krieg begegnet Salinger wiederholt Ernest Hemingway, der ihm "eine höllische Begabung" bescheinigt. Der "Fänger im Roggen" erscheint 1951, der plötzliche Ruhm wird zum Bruch im Leben des Autors. "Salinger begann sich in sich selbst zurückzuziehen, er versuchte, die Welt auszuschließen und sich von seinem Buch zu distanzieren", schreiben Shields und Salerno. "Das war ein naiver Wunsch. Er hatte eine Revolution angezettelt, und die Welt reagierte darauf."

Salinger, der sich schon früh für östliche Religionen interessierte, wendet sich dem Hinduismus zu. Und "der berühmteste Eremit der Welt", so die Autoren, gibt keine Interviews, tritt nicht in der Öffentlichkeit auf und verweigert sich seinen Fans, die scharenweise zu seinem abgelegenen Haus nach Cornish in New Hampshire pilgern.

Äußerst ausführlich und anschaulich schildern die Autoren das weitere Leben Salingers. In ihrem Drang, die komplexe Psyche des Autors zu erklären, neigen sie zu absolutistischen Deutungen, die sie zwar plausibel belegen können, die man deshalb aber nicht zwingend teilen muss.

Letztlich ist das Buch weit mehr als eine ausführliche Charakterstudie über den rätselhaften Autor. Es ist auch ein Porträt der US-Geschichte über Jahrzehnte - samt kritischer Darstellung des Literaturbetriebs. Nach dieser Biografie wird es schwierig sein, noch einen weißen Fleck in Salingers Leben zu finden.

- David Shields, Shane Salerno: Salinger: Ein Leben. Droemer HC, München, 832 Seiten, 34 Euro, ISBN 978-342627637-2.