Frankfurt/Main - Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, wurde Auschwitz befreit, die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands wurden weltweit bekannt. Die Alliierten allerdings konnten nicht guten Gewissens sagen, sie hätten nichts gewusst.

Jüdische und polnische Untergrundkämpfer, darunter Auschwitz-Häftlinge, hatten unter Einsatz ihres Lebens versucht, die Welt zu informieren, aufzurütteln und zur Rettung der Millionen europäischen Juden vor dem Massenmord aufzurufen - vergeblich. Zu unvorstellbar, zu unglaublich erschien denen, die die Berichte zu sehen bekamen, was in Auschwitz und anderswo geschah.

Der slowakische Jude Rudolf Vrba (1924-2006) war einer der Männer, die sich nicht brechen ließen, sondern dem Lager-Untergrund anschlossen, Beweise für die Nazi-Verbrechen sammelten, Zeugnis ablegten. Nun ist seine Autobiografie "Ich kann nicht vergeben" in einer Sonderauflage wieder erschienen, ein Bericht, der die Brutalität der Mörder und das Schweigen der Welt anklagt und unbeugsamen Widerstandsgeist dokumentiert.

Es ist auch die Geschichte eines jähen, brutalen Erwachsenwerdens. Vrba scheint mitunter zu staunen über den Optimismus seines 17-jährigen Ichs, das aus der slowakischen Heimat nach Ungarn zu entkommen versuchte, um sich den alliierten Truppen anzuschließen. Die Flucht scheiterte. Vrba kam erst nach Majdanek, dann nach Auschwitz. Der naive Junge wurde zum Mann, der nie den Gedanken an Flucht aufgab und als 19-Jähriger zu den "alten" Häftlingen gehörte, den "Experten im Überleben".

Was es mit der vermeintlichen Umsiedlung in Arbeitslager auf sich hatte, lernte er schon in Majdanek, wo er bei der Beseitigung der Leichen helfen musste. Wie groß das Ausmaß der Vernichtung war, ahnte er bei der Arbeit in "Kanada", wo die Besitztümer der aus ganz Europa deportierten Juden sortiert wurden. Freunde beim "Sonderkommando" bei den Gaskammern und Krematorien halfen ihm bei der Dokumentation des Massenmords.

Denn Vrba, der den Gedanken an Flucht nie aufgegeben hatte, wollte nun nicht nur die eigene Freiheit wieder erlangen, er wollte weitere Morde verhindern. Wenn die Hunderttausenden, denen die Deportation noch bevorstand, die Wahrheit erfuhren, würden sie nicht widerstandslos in die Züge steigen, so hoffte er. Er konnte, als er die Deportation der ungarischen Juden zu verhindern versuchte, nicht ahnen, dass es auch eine Zusammenarbeit zwischen der SS und Judenräten gab.

Der Erlebnisbericht des Überlebenden setzt auch denen ein Denkmal, die zu Tode geprügelt, an Fleckfieber gestorben, am Galgen gehängt, in den Gaskammern ermordet wurden. Ohne Heldenlyrik, ohne Sentimentalität, mitunter mit selbstironischen Tönen bringt Vrba Lageralltag und Terrorregime dem Leser nahe. Die erste Veröffentlichung der Lagererinnerungen in Deutschland liegt mehr als 50 Jahre zurück. Es ist zu hoffen, dass Vrbas Bericht diesmal mehr Aufmerksamkeit erfährt.

- Rudolf Vrba, Ich kann nicht vergeben. Meine Flucht aus Auschwitz.
Schöffling & Co Verlag, Frankfurt am Main, 528 Seiten, 14,95 Euro, ISBN: 978-3-89561-416-3