Berlin - Seit mehr als drei Jahren arbeiten Politik, Medien und Justiz in Deutschland die Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) auf.

Einen ganz eigenen Ansatz, sich in diesem Zusammenhang mit dem Thema rechtsextremer Gewalt auseinanderzusetzen, hat der Journalist David Schraven gewählt. Ausgehend von der Frage, warum der NSU einen seiner zehn - zumeist rassistisch motivierten - Morde ausgerechnet in Dortmund begangen hat, macht er sich auf eine zwei Jahre dauernde Recherche und entschließt sich während dieser Zeit, seine Ergebnisse nicht nur aufzuschreiben, sondern gemeinsam mit dem Comiczeichner Jan Feindt grafisch umzusetzen.

Geschildert wird in "Weisse Wölfe" der Werdegang eines jungen Mannes, der als Jugendlicher Irokesenhaarschnitt trägt, aber bereits über ein gehöriges Aggressionspotenzial verfügt. Das ist so groß, dass er sich bereits früh am Bau von Rohrbomben probiert und diese auch gegen ein Flüchtlingsheim einsetzt. Da ist der erste Schritt in die Dortmunder Neonazi-Szene getan. Bald folgt die Gründung einer eigenen Gruppe, die Terror und Anschläge verüben will. In drastischen und eindrücklichen Bildern vermitteln Schraven und Feindt einen tiefen Einblick in eine skrupellose und beängstigend selbstgewiss agierende Szene.

Bewusst haben sie dafür fast ausschließlich auf schwarz-weiße Bilder gesetzt. Erst ganz am Ende, wenn auf einer Europa-Karte mehrere Flammenherde einen länderübergreifenden rechtsextremen Flächenbrand in roter Farbe andeuten, wird die Bedrohung allein durch solche stilistischen Mittel noch einmal hervorgehoben.

Die Idee, seine Recherchen in Comicform aufzubereiten, sei ihm auch deswegen gekommen, weil dies die Möglichkeit biete, andere Menschen zu erreichen, sagt David Schraven, "junge Leute und diejenigen, die sich vorher nicht mit den Auswirkungen des Rechtsextremismus auseinandergesetzt haben".

Dass das mit Bildergeschichten mitunter leichter gelingen kann, bestätigt auch der Münchner Kommunikationswissenschaftler Ralf Palandt, der sich schon seit vielen Jahren mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und dem Holocaust in Comics beschäftigt. "Tatsächlich gelingt es Comics, Menschen an Themen heranzuführen, um die diese ansonsten einen großen Bogen machen." Bei "Weisse Wölfe" habe er das in seinem persönlichen Umfeld beobachtet, sagt Palandt.

Was Schravens und Feindts Arbeit aber besonders hervorhebt und für ein Comic so ungewöhnlich macht, ist der investigative Aspekt. Der Journalist lässt den Leser mit eintauchen ins rechtsextreme Milieu, während er ihn zugleich an seiner journalistisch aufwendigen Arbeit - etwa beim Treffen mit Informanten - teilhaben lässt.

Schraven selbst ist bekennender Fan des amerikanischen Reporters Joe Sacco, der mit seinem Reportage-Comic "Palästina" vor mehr als zehn Jahren viel Aufmerksamkeit erfuhr. "Im Sinne von journalistischen Comics ist Sacco der Prototyp", sagt Dietrich Grünewald, emeritierter Professor für Kunstwissenschaft und Kunstdidaktik an der Universität Koblenz-Landau. "In Deutschland kann man da noch nicht von einer Tradition reden", sagt Grünewald, der auch der Gesellschaft für Comicforschung angehört.

Von Saccos betont subjektiver Herangehensweise unterscheidet Schraven denn auch die sachlich-distanzierte Haltung zu seinem Protagonisten. "Eine solche engagierte Aufklärungsarbeit verlangt viele persönliche Opfer und viel Mut ab und verdient größte Hochachtung", sagt der Comic-Experte Ralf Palandt. Wenngleich die grafische Reportage an sich nicht neu sei, sagt der Experte. "Comics in dieser Richtung gab es schon früher. So entstanden und entstehen im Umfeld von Nicht-Regierungsorganisationen und der sogenannten Neuen sozialen Bewegungen gut recherchierte Comics zum Beispiel gegen Atomenergie oder ausbeuterische Arbeitsbedingungen."

Zwar findet er die Umsetzung in "Weisse Wölfe" zuweilen etwas sperrig und den Erzählfluss manchmal sprunghaft. Doch sein Fazit ist eindeutig: "ein wichtiger und lesenswerter Comic-Band".