Heidelberg - Der Hauch deutscher Romantik scheint noch immer durch diese Stadt zu wehen, die Generationen von Schriftstellern inspiriert und verzaubert hat.

Wer durch die Straßen und Gassen Heidelbergs schlendert, kommt vorbei an vielen Antiquariaten und Buchhandlungen, an Wissenschaftsverlagen und Universitätsgebäuden. Auch Übersetzer und Forscher kamen hierher, um zu bleiben. Die Stadt ist stolz auf ihre literarische Tradition und will sie auch in Zukunft lebendig halten. Deshalb kämpft sie um den Titel "Unesco-Literaturstadt", mit dem sich etwa Norwich in England und Irlands Hauptstadt Dublin schmücken können.

Kurz vor Einsendeschluss am Donnerstag ging die digitale Bewerbungsmappe in Paris ein. Als Literaturstadt wäre Heidelberg Teil des Unesco-Netzwerks "Creative Cities". Das Programm vernetzt weltweit Städte, damit sie kulturelle Strategien und Ideen austauschen können. Mit den anderen sieben Literaturstädten steht Heidelberg schon jetzt in regem Kontakt - und kann von jeder ein Empfehlungsschreiben vorweisen.

"Literatur ist offensichtlich entscheidend für Heidelbergs Kreativwirtschaft", heißt es aus dem australischen Melbourne. In einem Brief aus Edinburgh in Schottland gibt es ein Loblied auf die Literatur-Events der Stadt wie etwa die Literaturtage: "Sie unterstützen, würdigen und wertschätzen Schriftsteller."

Die Projektkoordinatorin Franziska Schaub gibt sich zuversichtlich: "Die anderen Städte haben gesagt, sie würden gern mit Heidelberg zusammenarbeiten. Das sehen wir als Signal: Wir würden gut in das Netzwerk passen." Vertreten sind darin auch Iowa City (USA), Reykjavík (Island) und Krakau (Polen). Eine Entscheidung der Unesco erwarten die Heidelberger bis Ende November.

Die literarische Tradition der Stadt ist lang: Mit einer Ode setzte Friedrich Hölderlin ihr schon vor mehr als 200 Jahren ein literarisches Denkmal. In der berühmten Bibliotheca Palatina gibt es einen wahren Bücherschatz. Am Neckar entstand auch die protestantische Bekenntnisschrift Heidelberger Katechismus. Anfang des 19. Jahrhunderts fanden hier die Romantiker ideale Arbeitsbedingungen für ihr literarisches Schaffen. Auch Johann Wolfgang von Goethe kam mehrfach in die Stadt. Mark Twain verweilte hier monatelang und widmete Heidelberg einen Reisebericht.

Doch so überzeugend die historischen Belege auch sein mögen: Für die Aufnahme in den Kreis der Unesco-Literaturstädte zählen Gegenwart und Zukunft, wie der Leiter des Heidelberger Bewerbungskomitees, Frank Zumbruch, sagt. Viel Gewicht haben daher Projektvorschläge mit Literaturbezug, die in Heidelberg umgesetzt werden sollen. "Es geht nicht nur um das gedruckte Buch, sondern wir wollen auch sehr stark den Anker in die Zukunft werfen." Geplant ist zum Beispiel ein Brieffreundschaftsprojekt zwischen den Städten und ein studentisches Netzwerk für kreatives Schreiben.

"Heidelberg zieht schon allein durch den Stempel der Romantik, die Uni und die Förderinstitutionen", sagt die Stuttgarter Landesgeschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Reinhilde Rösch. "Es gibt viele Autoren, die dort inspiriert werden und dann auch hängenbleiben."