Paris - Sie kommen aus Deutschland, England und den Niederlanden, um sich in Paris in einem kleinen Theater in der Rue de la Huchette "Die kahle Sängerin" oder "Die Unterrichtsstunde" von Eugène Ionesco anzuschauen. Das Theater mitten im quirligen Quartier Latin ist die einzige Ionesco-Bühne weltweit.

Fast allabendlich werden die beiden Stücke aufgeführt. Seit 1957 macht das mehr als 16 000 Vorstellungen und über eine Millionen Zuschauer. Ionesco, der am 28. März 1994 in Paris 81-jährig starb, ist universell und zeitlos geworden.

Das 85 Plätze fassende Theater ist meist ausverkauft. Vor allem Schulklassen und Touristen füllen den Saal. Die Jugendlichen, die an diesem Abend den beiden Aufführungen beiwohnen, kommen aus den Niederlanden. Als die Textzeilen "Wie geht es der kahlen Sängerin? Sie trägt noch immer die gleiche Frisur" vorgetragen werden, ertönt Gelächter. Die witzig-grotesken Dialoge des Autors, der in vielen Ländern Pflichtlektüre ist, gefallen. "Ionesco ist völlig abgedreht", sagt die 16-jährige Lieke nach der Aufführung.

Als "Die kahle Sängerin" am 11. Mai 1950 uraufgeführt wurde, verstand das Publikum das Erstlingsstück des damals unbekannten Autoren nicht. Das Théâtre des Noctambules setzte die radikale Parodie des konventionellen Theaters und der Kleinbürger-Mentalität nach kurzer Spielzeit ab. Erst seine Wiederaufnahme im Jahr 1957 im Théâtre de La Huchette reüssierte.

"Mit der Zeit begann man, seine Texte zu verstehen. Das Auftauchen von Monty Python hat seinen Humor verständlicher gemacht. Für mich ist Ionesco gewissermaßen der Vorläufer der britischen Komikergruppe", erklärt der Leiter des Théâtre de la Huchette, Gonzague Phélip, den Erfolg des 1912 in Rumänien geborenen Wahlfranzosen.

Ionesco schwamm mit seinem absurden Theater gegen den Strom - gegen das bekannte und realistische oder naturalistische Theater, aber auch gegen die Brecht\'sche Veränderbarkeit der Welt. "Ich habe den Eindruck, in einer mehr oder weniger gut eingerichteten Welt von sehr höflichen Menschen zu stehen. Plötzlich geht etwas kaputt, zerreißt, und der ungeheuerliche Charakter der Menschen kommt zum Vorschein. Theater ist vielleicht das: Die Enthüllung von etwas, das verborgen war", erklärte der Antipode.

Der Absurdist schrieb, um auf der Bühne Widersprüche ungehindert zum Ausdruck zu bringen. Hinter den grotesken-skurrilen Dialogen erblickt man Leere und tiefe Abgründe. "Die Unterrichtsstunde" handelt nicht von der Schule, sondern von den Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation und Sprache. In "Der kahlen Sängerin" erkennen zwei Fremde, dass sie miteinander verheiratet sind.

Nach seiner Karikatur des selbstgefälligen kleinbürgerlichen Milieus und des Versagens menschlicher Kommunikation thematisierte der "Bürgerschreck" in seinen späteren Stücken Vergänglichkeit, Tod und die Suche nach dem Lebenssinn in einer hochindustrialisierten Gesellschaft. Der Sohn eines Juristen, der 1950 die französische Staatsbürgerschaft annahm, schrieb mehr als 30 Werke, darunter "Die Nashörner", "Der König stirbt", "Der Mann mit den Koffern". Viele seiner Arbeiten sind sketchhafte Einakter.

"Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht", lautet ein bekanntes Ionesco-Zitat. Daran hält sich auch der Huchette-Direktor Phélip fest. Sein Theater ist das letzte der zwischen 1944 und 1960 im Pariser Quartier Latin gegründeten Avantgarde-Theater. Es kämpft trotz ausverkaufter Plätze ums Überleben. Die horrenden Pariser Mietpreise könnten bald das Ende der theaterhistorischen Schaustücke in der Rue Huchette bedeuten.