Paris Mehrere hundert Romane und Verkaufszahlen in Millionenhöhe: Georges Simenon gehört zu den meistgelesenen, meistübersetzten und meistverfilmten Autoren des 20. Jahrhunderts. Auch das 21. Jahrhundert scheint von dem Erfinder der grüblerischen und Pfeife rauchenden Romanfigur des Kommissars Maigret fasziniert zu sein.

Erst vor wenigen Monaten machte der belgische Vielschreiber, der vor 25 Jahren, am 4. September 1989, gestorben ist, von sich reden. In Cannes wurde die Verfilmung seines Romans "Das blaue Zimmer" gefeiert. Der Thriller kommt Ende Dezember in die deutschen Kinos.

Der Film von Mathieu Amalric gebe meisterhaft die Modernität des Romans und dessen psychologische Tiefe wieder, lobte die Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur" auf ihrer Internetseite. Der 48-jährige Filmemacher und Schauspieler ist der Erzählweise Simenons tatsächlich treu geblieben. In dem Buch seien alle Ingredienzien enthalten, die für einen Film wichtig seien, meinte Amalric im Mai in Cannes. Sein Stil bringe Atmosphäre und Emotionen rüber. "Gerüche, Geräusche, Gefühle, Stimmung. All das steckt in seinen Texten", erklärte der Franzose seine Simenon-Begeisterung.

"Das blaue Zimmer" aus dem Jahr 1963 handelt von einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung zwischen einem verheirateten Unternehmer und einer Apothekerin, die einen unheilvollen Lauf nimmt. Täter und Opfer sind gewöhnliche Menschen, die ein ganz normales Leben führen. Simenons Stil ist sachlich, nüchtern und einfach. Vor Literatur mit einem großen "L" hatte er Horror, wie er sagte. Den Welterfolg seiner Werke erklärte er sich durch die Nähe zu den "kleinen Leuten" sowie durch seine bewusst schlichte und allgemeinverständliche Sprache. Letzteres allerdings missfiel so manchem zeitgenössischen Kritiker.

Über 400 Romane, rund 150 Erzählungen und 1500 Kurzgeschichten, 75 Maigret-Krimis, die er unter seinem wahren Namen geschrieben hat, sowie 28 Pseudonyme: Als Wunder und Phänomen wurden der Autor und sein Werk beschrieben. Der einflussreiche Kritiker Robert Brasillach prägte 1932 sogar den Begriff "Le cas Simenon", denn der Schriftsteller erstaunte ihn durch seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, irritierte ihn jedoch gleichzeitig durch seine "mangelnde literarische Bildung", wie er damals schrieb.

Den "Fall Simenon" analysierte 1973 auch der deutsche Kritiker Georg Hensel. "Wer im 21. Jahrhundert erfahren will, wie im 20. Jahrhundert gelebt und gefühlt worden ist, der muss Simenon lesen. Andere Autoren mögen mehr als er wissen über die Gesellschaft. Über den einzelnen Menschen weiß keiner so viel wie er."

Simenon geht es in seinen Romanen vor allem um den "nackten Menschen", um das, was hinter der Maske steckt. Selbst in seinen Maigret-Romanen tritt das Verbrechen hinter dem psychologischen Aspekt der Protagonisten zurück. Simenon hatte viele bekannte Bewunderer, darunter den US-amerikanischen Schriftsteller und Nobelpreisträger William Faulkner, den die Krimis an Tschechow erinnerten. Und für den britischen Autor Raymond Mortimer war der Maigret-Erfinder ein "Poet des Gewöhnlichen".

Simenon, 1903 in Lüttich geboren, kam über den Journalismus zur Schriftstellerei. Mit 16 übernahm er bei der "Gazette de Liège" die Rubrik "Unfälle und Verbrechen". Schon früh gab und kleidete er sich exzentrisch mit Regenmantel und Pfeife. Vieles aus seinem unsteten, von Reisen, Sex und Alkohol bestimmten Leben floss in seine Geschichten ein. Mehr als 30 Mal wechselte er seine Wohnsitze in Belgien, Frankreich, Kanada, den USA und der Schweiz, wo er im Alter von 86 Jahren in seinem Haus in Lausanne starb.

Treue war für den rastlosen Schreiber ein Fremdwort. Neben seinen beiden Ehen hatte er zahlreiche Affären, darunter auch mit Josephine Baker. In einem Gespräch mit dem italienischen Regisseur Federico Fellini behauptete er, mit 10 000 Frauen geschlafen zu haben, darunter 8000 Prostituierten. Aus literarischem Interesse gewissermaßen. Denn dadurch wollte er die Sexualität der Frauen erkennen und die Wahrheit über ihr Wesen erfahren, wie er später mehrmals erklärte.