Berlin - Es muss nicht immer neu sein, jedes Buch kann seine Zeit haben. "Schlump", "Blutsbrüder" und "Stoner" heißen die literarischen Wiederentdeckungen, die sich in den Buchhandlungen stapeln.

2011 schaffte es Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" aus dem Jahr 1946 in einer neuen, erstmals ungekürzten Ausgabe bis auf die "Spiegel"-Bestsellerliste. Auch die englische Presse war begeistert von "Alone in Berlin" ("Allein in Berlin"), so die Übersetzung von Falladas Roman über den Widerstand kleiner Leute in der Nazizeit.

Im Oktober erscheint ein Klassiker in neuer Übersetzung, den viele nur als Film kennen: "Leb wohl, Berlin" von Christopher Isherwood aus dem Jahr 1939. Er war die Vorlage für "Cabaret" mit Liza Minnelli. Isherwood erzählt darin autobiografisch inspirierte Geschichten aus dem wilden Berlin der frühen 30er Jahre. "Isherwoods Bücher, aber auch seine Lebensgeschichte haben mich sofort gepackt", sagt Daniel Kampa, Verleger bei Hoffmann und Campe.

Was er irritierend fand: Berliner Buchhandlungen verkauften zwar die englische Ausgabe stapelweise, nicht aber eine deutsche Ausgabe. "Dabei ist Isherwoods Roman neben Alexander Döblins "Berlin Alexanderplatz" der wohl wichtigste Berlin-Roman der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts", meint Kampa.

Gerhard Henschel und Kathrin Passig haben nun Isherwood neu übersetzt. Stilistisch war für Passig die alte deutsche Version von 1949 "völlig in Ordnung". An einigen Stellen habe die Übersetzerin dann aber doch umgangssprachliche oder ungebräuchliche Wendungen falsch verstanden. "Das haben Gerhard Henschel und ich zu beheben versucht." In der alten und neuen Übersetzung stecke viel Arbeit. "Ich vermute, wir haben uns mit dem Text mehr Mühe gegeben als Isherwood selbst, und so schnell wird sich niemand zum dritten Mal damit befassen müssen."

Es muss nicht immer eine neue Übersetzung sein. Manchmal reicht schon ein hübsches Cover, dass Leser zum Klassiker greifen - beim Penguin-Verlag hat das die Designerin Coralie Bickford-Smith vorgeführt. Auch für den Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) sind neu übersetzte Klassiker und Wiederentdeckungen ein Markenzeichen. Ganz unterschiedliche Titel haben dort eine literarische Renaissance, wie die Leiterin des Klassik-Lektorats, Maria Schedl-Jokl, erklärt.

Beispiele: 1994 war es Harriet Beecher Stowes Sklavenroman "Onkel Toms Hütte". 2013 war es die deutsche Erstausgabe von C.S. Foresters "Tödliche Ohnmacht", ein Krimi von 1935, dessen Manuskript laut dtv als verschollen galt und 2002 bei Christie\'s versteigert wurde. Wobei die Lektorin Schedl-Jokl weiß: Nicht alle Wiederentdeckungen mit großem Presseecho ziehen auch beim Leser. "So spannend diese Entdeckerjagd auch ist, richtige neue Longseller werden wohl kaum mehr in Scharen generiert werden können."

Der Carl Hanser Verlag zählt Melvilles "Moby-Dick", Stendhals "Rot und Schwarz" und die "Kartause von Parma", die Romane von Tolstoi und auch der "Don Quijote" von Cervantes zu seinen Erfolgen. Spielt es eine Rolle, dass die Rechte an alten Büchern günstig sein können? "Die Übersetzungs- und Herstellungskosten sind bei solchen Büchern natürlich ohnehin sehr hoch, da ist man froh über jeden Faktor, bei dem man etwas einspart", sagt Hanser-Lektor Wolfgang Matz. "Unterm Strich sind die Klassiker aber trotzdem für den Verlag sehr teure Bücher."

Den Schriftsteller und Klassiker-Kenner Tilman Spengler freut eines: "Neuübersetzungen sind immer ein Trost, wenn sie davon künden, dass dieser so schrecklich unterbewertete, unterbezahlte, unterbeachtete Stand der Übersetzer wieder neue Aufmerksamkeit erfährt." Was "echte Wiederentdeckungen" angeht, ist er skeptisch. Das komme ihm als Begriff so prickelnd vor wie "Geheimtipp" in einem Reiseführer. "Man muss eben fragen: Entdeckung für wen?"

Nicht nur die großen Häuser, auch viele kleine Verlage setzen auf in Vergessenheit geratene Autoren. Sie durchforsten die Literaturgeschichte und Antiquariate nach neuem Stoff. Manchmal haben sie Glück. So wie die AvivA-Verlegerin Britta Jürgs, die den Roman "Das weiße Abendkleid" der völlig unbekannten Victoria Wolff herausbrachte. Das Buch aus dem Jahr 1938 wurde von Elke Heidenreich im Fernsehen vorgestellt.

Zum einem spielt es bei alten Büchern natürlich eine Rolle, dass Verlage noch immer Geld damit verdienen können. "Andererseits gibt es in der Buchbranche zum Glück, und entgegen aller Vorurteile, immer noch sehr viele Idealisten", sagt die Literaturagentin Andrea Wildgruber.

Damit meint die Geschäftsführerin der Agence Hoffman "Verleger, die leidenschaftlich für ein Buch brennen, und es schaffen, durch eine gute Mischkalkulation, neue Übersetzungen und Ausgaben zu finanzieren". Eine echte Neuentdeckung war für sie "Orient-Express" von John Dos Passos, das 2013 erstmals auf Deutsch erschien. "So ein Buch darf man doch den deutschen Lesern nicht vorenthalten!"

Geht es das alles nicht zulasten von neuen Autoren und frischen Themen? "Ach nein, das sehe ich nicht so", sagt Wildgruber. "Es gibt so viele Neuerscheinungen, Jahr für Jahr. Einige setzen sich durch, andere werden zu Unrecht übersehen. Und einige wenige werden in 50 oder 100 Jahren noch gelesen werden." Ihrer Meinung nach sollte man dem interessierten Leser schon zutrauen, eine persönliche Auswahl aus neuen Autoren und Klassikern zu treffen. "Und man sollte die Klassiker aus dem Mief der Schulen herausholen und mit Leidenschaft an die Leser bringen."