Berlin - Es ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie das literarische Leben nur selten schreibt. Vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Lesern und ohne dass ein Verlag groß die Werbetrommel rührte, wurde "Der Schatten des Windes" zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Welterfolg.

Seiner Geburtsstadt Barcelona setzte Carlos Ruiz Zafón mit der abenteuerlichen Geschichte um ein verwunschenes Buch und den "Friedhof der vergessenen Bücher" ein literarisches Denkmal. Am 25. September wird der Autor 50 Jahre alt.

Bis heute wurde "Der Schatten des Windes" mehr als zehn Millionen Mal verkauft, und damit gilt der Katalane als einer der erfolgreichsten spanischen Autoren der Gegenwart. Zwei Folgebände sind schon erschienen, der vierte, der die Barcelona-Tetralogie abschließen soll, ist in Arbeit. Auf den Spuren der Romanhelden Daniel Sempere und Fermín Romero de Torres sind in den vergangenen Jahren Heerscharen von Zafón-Fans durch die Altstadt von Barcelona gepilgert. Es gibt sogar geführte Touren zu den Schauplätzen von "La sombra del viento".

Ruiz Zafón ist studierter Journalist. Er verdiente sein Geld zunächst als Texter in einer Werbeagentur und dann als Drehbuchautor in Los Angeles, wohin er 1994 übersiedelte. Er schrieb einige Jugendromane wie "Der Fürst des Nebels" (1993, dt. 1996) oder "Marina" (1999, dt. 2011), ehe ihm 2001 mit "Der Schatten des Windes" (dt. 2003) der Durchbruch gelang. In seinen Romanen mischt sich in der Tradition der "Gothic Novel" Reales mit Phantastischem. Es geht in ihnen auch um die jüngere spanische Geschichte und immer um die Liebe zum Buch und zur Literatur.

Dass er als Katalane auf Spanisch schreibt, erklärte Ruiz Zafón in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur einmal damit, dass zu seinen Schulzeiten nur auf Spanisch unterrichtet wurde. Denn das Katalanische war unter der Franco-Diktatur (1939-1975) verboten. Das Geheimnis seines Erfolges zu erklären, fällt ihm schon schwerer. Dafür gebe es keine Zauberformel. "Nach all den Jahren habe ich den Eindruck, dass die Leser in meinen Büchern die Freude am Lesen wiederentdecken", meint er.

In der Tat wurde "Der Schatten des Windes" zu einem Buch, das auf Menschen in bisher rund 40 Sprachen einen wahren Lese-Sog ausübte. Es ist Kriminal-, Liebes- und Bildungsroman in einem, es zeichnet das Klima im Barcelona der 40er und 50er Jahre, die bleierne Schwere der Jahre nach dem Bürgerkrieg. Und es geht um die Macht des geschriebenen Wortes. Denn ein Buch spielt darin eine Hauptrolle.

Auf den "Schatten des Windes" folgte 2008 "Das Spiel des Engels" und 2011 "Der Gefangene des Himmels" (dt. 2012), die miteinander verknüpft sind und ebenfalls im Bannkreis des "Friedhofs der vergessenen Bücher" spielen. Manche Kritiker bemängelten eine Neigung zum Trivialen, zu Floskeln und abgedroschenen Bildern oder eine zum Teil verworrene und überkonstruierte Handlung. Den ganz großen Erfolg konnte Zafón mit den Folgebänden nicht wiederholen.

Ruiz Zafón versteht sich selbst als disziplinierten Arbeiter. "Schreiben ist harte Arbeit, die Musen säuseln einem nichts ins Ohr", sagt er. Jetzt sitzt er in seiner Wahlheimat Los Angeles in Schreibklausur am abschließenden Band der Barcelona-Reihe. Mehrere noch offene Handlungsstränge gilt es zusammenzuführen, der Autor hat die große Auflösung versprochen, aber er lässt sich Zeit. Auch der Verlag weiß nicht, wann der vierte Teil der Tetralogie erscheinen wird. Doch wie sagte schon sein Romanheld David Martín im "Spiel des Engels"?: "Die Inspiration kommt, wenn man die Ellbogen auf den Tisch drückt, den Hintern in den Stuhl und anfängt zu schwitzen."