Berlin - Viele kennen das Foto aus dem Geschichtsbuch. Das Bild zeigt einen geschorenen KZ-Häftling mit der Nummer 562 an der Brust und dem Rücken direkt an der Wand. Er muss vor einem stiernackigen Nazi-Uniformierten strammstehen.

Dennoch stehen dem Gefangenen Würde und fast schon Trotz ins Gesicht geschrieben. Ein Mensch, der sich nicht brechen lässt, so scheint es. Das Bild zeigt den Publizisten Carl von Ossietzky, der vor 125 Jahren am 3. Oktober geboren wurde. Keine 50 Jahre war Ossietzky alt, als er 1938 im Krankenhaus den Folgen von Zwangsarbeit und Misshandlungen erlag.

Er hätte 1933 fliehen können, alles hatten Freunde vorbereitet. Doch der scharfe Kritiker der Nazis blieb: "Ich gehe nicht aus Gründen der Loyalität ins Gefängnis, sondern weil ich als Eingesperrter am unbequemsten bin", sagte er. Seine Unerschrockenheit setzte Maßstäbe im Journalismus. Zugleich ist er Symbolfigur für die Unterdrückung Andersdenkender in der Nazi-Herrschaft. Der Friedensnobelpreis, den dieser Publizist im Jahr 1936 erhielt, hat bis heute Auswirkungen.

Der Name Ossietzkys ist eng mit der Zeitschrift "Weltbühne" verbunden, einem Sammelbecken für viele große Schreiber der Weimarer Zeit. Kurt Tucholsky und Erich Kästner gehörten zu den Autoren. Als Herausgeber des Blattes aus Berlin-Charlottenburg geißelte der gebürtige Hamburger in den späten 20er Jahren den aufkommenden Nationalsozialismus. Sein Markenzeichen: der ironisch-scharfe Ton. "Er hatte eine panische Angst um diese Republik. Sie war ja schon sterbenskrank, als er anfing, in der "Weltbühne" zu schreiben", erläutert die Historikerin Gunilla Budde von der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg.

Ossietzky war überzeugter Pazifist. In der späten Weimarer Republik verteidigte er einen "Weltbühne"-Artikel in einem Prozess, der stark an die heutigen Whistleblower-Verfahren gegen Enthüller in den USA erinnert. Der Text "Windiges aus der deutschen Luftfahrt" über die Aufrüstung der Reichswehr brachte ihm 18 Monate Haft wegen Landesverrates und Verrates militärischer Geheimnisse ein - dabei hatte der "Weltbühne"-Autor Heinz Jäger nur frei verfügbare Informationen zusammengestellt. Als er diese Haftzeit im Gefängnis von Berlin-Tegel antrat, zeigten Fotos ihn noch gut gelaunt.

Rechtsgeschichte schrieb Ossietzky 1932 in einem weiteren Prozess, bei dem er erneut seinen Kopf für einen "Weltbühne"-Autoren hinhalten musste. Unter der Überschrift "Der bewachte Kriegsschauplatz" hatte Tucholsky über Hinrichtungen an der Front des Ersten Weltkrieges geschrieben und dabei unter anderem den Satz "Soldaten sind Mörder." verfasst. Die Staatsanwaltschaft sah die Reichswehr beleidigt und beantragte sechs Monate Gefängnis gegen den Herausgeber Ossietzky. Die Verteidigung führte Zitate von Laotse, Voltaire, Kant, Goethe, Klopstock und Herder an, in denen Soldaten Mörder, Henker und Schlächter genannt werden. Das Gericht sprach den Publizisten frei.

Auch die Strafe für den Reichswehr-Artikel wurde wegen einer Weihnachtsamnestie verkürzt. Doch die Freude währte nicht lange. Unmittelbar nach Machtübernahme der Nazis 1933 gehörte der frisch entlassene Pazifist nämlich zu den ersten Andersdenkenden, die ins Visier der Häscher gerieten. Den Brand des Berliner Reichstags am 27. Februar nahmen die Nationalsozialisten zum Anlass, noch in derselben Nacht 4000 ihrer Gegner verhaften zu lassen - unter ihnen Ossietzky. Fluchtangebote schlug er aus. Sein Leidensweg, der damals begann, führte ihn 1934 in das Konzentrationslager Papenburg-Esterwegen im Emsland. Dort mussten die Gefangenen Moore der Umgebung trockenlegen.

Nach eineinhalb Jahren Haft war der einst wohlgenährte Mann nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Schweizer Diplomat Carl Jacob Burckhardt besuchte das KZ im Oktober 1935 als Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes. Burckhardt beschreibt Ossietzky als "ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen, er schleppte ein gebrochenes, schlecht geheiltes Bein". Die einzigen Worte, die Ossietzky beim Treffen sprach, waren: "Danke, sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vorüber, bald aus, das ist gut."

Wenngleich er oft so dargestellt wird: Märtyrer wollte Ossietzky nie sein, wie Budde erläutert. "Er war einfach ein anständiger Mensch, der seine Haltung auch verteidigte und mutig "Nein" sagte, auch wenn es gefährlich war. Er sah sich überhaupt nicht als Märtyrer."

Eine beispiellose Kampagne von prominenten Fürsprechern wie dem Physiker Albert Einstein oder den Schriftstellern Thomas Mann und Aldous Huxley setzte sich vom Ausland aus dafür ein, Ossietzky den Friedensnobelpreis zu verleihen. Auch der Widerstandskämpfer Willy Brandt trieb im Exil das Vorhaben mit großer Energie voran. Ziel dahinter war freilich, dem inhaftierten Publizisten das Leben zu retten.

Dass das Nobel-Komitee den Preis für 1935 schließlich Ossietzky zuerkannte, war nicht nur eine internationale Blamage Adolf Hitlers, dessen Imagekampagne zu Olympia 1936 Risse bekam. Es war auch die mühevoll errungene, erste unbequeme Entscheidung aus Oslo gegen ein Regime. "Man hat mit seiner Wahl für den Friedensnobelpreis sehr mutig eine Grenze überschritten", sagt die Historikerin Budde. Dieser Schritt stellte zugleich die Weichen für viele spätere Preisträger wie den chinesischen Oppositionellen Liu Xiaobo (2010), den Dalai Lama (1989) oder den polnischen Gewerkschaftschef Lech Walesa (1983).

Auf Anweisung von Hitler persönlich wurde Ossietzky aus dem KZ entlassen. Sein Leben konnte aber der Preis, der zum ersten Mal in Abwesenheit übergeben wurde, nicht retten. Der Gefangene wurde nach Berlin gebracht, wo Ärzte im Mai 1936 eine offene Lungentuberkulose feststellten. Den größten Teil des Preisgeldes riss sich derweil ein Betrüger unter den Nagel, der sich das Vertrauen der Ehefrau des Todkranken erschlichen hatte und als Vertreter auftrat. Seither wird das Nobelpreis-Geld nur persönlich oder an enge Verwandte übergeben.